Kitobni o'qish: «VoxZero. Kammerton Erstes Buch»
Erster Teil. Winter
Kapitel 1. Der Weg zur Vollkommenen Harmonie
Elf Millionen zu belügen erwies sich als eine Frage der Technik, und die Technik beherrschte Ariadna makellos.
Die Technik lag im Atem. Einatmen auf vier Zählzeiten vor einem schwierigen Wort, damit die Stimme nicht versagt; die Pause nicht dort, wo der Gedanke endet, sondern dort, wo der Zuschauer glauben soll; das Lächeln, das in den Augen beginnt, eine halbe Sekunde vor den Lippen, weil ein Lächeln, das bei den Lippen beginnt, die Lüge verrät, sogar den Eingestimmten, und die Eingestimmten sind, entgegen der landläufigen Meinung, nicht dumm – sie haben nur zugestimmt, nichts zu bemerken. Ariadna log nicht mit Worten. Die Worte waren geliehen, geeicht, durch drei Abteilungen gegangen; in den Worten war keine Lüge, in den Worten war Politik. Ariadna log mit dem Körper – damit, wie der Körper »Ich glaube daran« sagte. Das lässt sich nicht beibringen. Dazu muss man, wie man ihr einmal gesagt hatte, geboren sein – oder gemacht.
»Dreißig Sekunden«, sagte die Stimme des Regisseurs, warm, in ihrem Ohr.
Das Studio von Harmonie Medien war so gebaut, dass man darin nicht nervös werden konnte. Das Licht kam von überall und warf keine Schatten – unter diesem Licht hatte Ariadna seit zwölf Jahren keinen Schatten mehr, seit man sie, die Vierzehnjährige, zum ersten Mal an diesen Tisch gesetzt hatte, und sie hatte sich daran gewöhnt, schattenlos zu sein, wie man sich an eine Amputation gewöhnt. Die Luft wurde auf genau der Temperatur gehalten, bei der ein Körper vergisst, dass er eine Grenze hat. Vor ihr, an der Stelle der Kamera, leuchtete sanft ein kleines grünes Licht – kein rotes, Rot beunruhigt, bei ihnen war alles grün: die Sendung, die Zustimmung, die Erlaubnis zu leben. Und rechts, außerhalb des Bildes, atmete auf einem matten Paneel leise die Kurve ihrer Stimme – eine dünne, leuchtende Spur, die das System in Echtzeit neben ihr herführte und nachbesserte, sobald Ariadna aus dem Gleichmaß geriet: nicht grob, flüsternd, ein klein wenig Ton in den Ohrhörer, damit sie von selbst, ohne es zu merken, auf Linie zurückfand. Sie wurde eingestimmt, während sie die Einstimmung predigte. Sie wusste es und hatte längst aufgehört, daran zu denken, wie man aufhört, an das Herz zu denken, das ohnehin schlägt, ungefragt.
»Zwanzig.«
Außer ihr war kein Mensch im Studio – gleichmäßiges Licht, glatte Paneele, und sie allein am Tisch, im Bild, wie ein einsamer Gedanke in einem fremden, gepflegten Kopf. Doch Ariadna wusste, dass diese Leere bewohnt war. Irgendwo hinter diesen hellen, nahtlosen Wänden saß der Regisseur, dessen warme Stimme ihr ins Ohr kam; neben ihm Menschen, die sie nie bei Licht gesehen hatte, aber im Rücken spürte. Zu entscheiden hatten sie allerdings nichts. Ihre Kurve – die dünne Spur der Stimme, die in Echtzeit nachgebessert wurde – führte kein Mensch. SADI führte sie: Es war seine unsichtbare Hand, die ihr den Laut um einen Halbton anhob und sie zurück auf Linie brachte; er war es, der ihre Stimme besser kannte als sie selbst. Die Menschen hinter den Wänden sahen nur zu, wie er arbeitete, glichen die Werte ab, nickten; sie waren bei der Maschine, was Wärter bei einem Mechanismus sind, der einwandfrei läuft – nötig, damit jemand da war, der nickte, und für nichts sonst. Und über ihnen allen, noch weiter weg, in einem Kabinett, zu dem Ariadna keinen Zutritt hatte, saß der, der all das gebaut hatte – nicht einmal im Stillen gab sie ihm einen Namen; er hatte kein Gesicht, er war nur Gegenwart, gleichmäßig und gewaltig wie der Luftdruck. Der Architekt. In die Sendung griff er nicht ein. Er hatte es nicht nötig: Er hatte alles ein einziges Mal so gestimmt, dass es sich von selbst stimmte. Nun sah er nur noch zu, wie man einer Uhr zusieht, die einwandfrei geht. Manchmal kam es Ariadna vor, als sähe er auch ihr zu, gesondert, länger als den anderen. Sie scheuchte den Gedanken fort. An ihn zu denken war, als drehte man sich im Dunkeln nach einem fremden Blick um, den es vielleicht gar nicht gibt.
»Zehn.«
Unter dem Tisch, wohin kein Objektiv reichte, ballte Ariadna die linke Hand zur Faust. Das tat sie immer. Jahrelang hatte sie es sich so erklärt: Hier, unter der Tischplatte, versteckt sich das, was sie ihnen nicht überlässt. Eine freie Hand. Ein kleiner Krampf, den weder die Kamera sieht noch die Kurve noch SADI. Ihr privates, heimliches, einziges »Nein«, in der Faust verborgen, während das Gesicht »Ja« sagt. An dieser Faust hielt sie sich fest wie an einem Geländer.
»Drei. Zwei.«
Das grüne Licht sprang nicht um – es wurde nur ein wenig heller und bedeutete von da an einfach »jetzt«.
»Guten Abend«, sagte Ariadna, und ihre Stimme kam warm, gleichmäßig, elf Millionen vertraut. »Viele von Ihnen setzen sich jetzt zum Abendessen – zur selben Stunde, die ganze Stadt, wie es sich gehört. Das ist gut. Das ist Einklang: wenn die Stadt im Takt atmet. Einen angenehmen Abend an Ihren Tischen.« Sie ließ eine warme Pause entstehen. »Ich weiß, viele von Ihnen sind müde. Linie zu halten ist Arbeit. Niemand sagt Ihnen Danke dafür, dass Sie jeden Tag die Wahl treffen, im Einklang zu sein. Ich sage es. Danke.«
So fing man immer an – mit dem Dank für etwas, wonach man die Menschen nie gefragt hatte. Das entwaffnete. Gegen jemanden, der einem gedankt hat, steht man nicht auf.
»Ich weiß, manchmal erscheint Ihnen der Preis hoch«, fuhr sie fort. »Der Ton, den man halten muss. Fragen, die man besser nicht laut stellt. Aber erinnern Sie sich, womit man vor uns bezahlte.
»Ihre Urgroßväter nannten sich frei – und kannten ihr Leben lang keine Ruhe. In jedem Kopf lärmte es Tag und Nacht: tausend fremde Meinungen, tausend Ängste, tausend ›Was, wenn‹. Sie konnten jedem alles sagen. Und sie redeten, alle zugleich, Tag und Nacht, und erstickten am eigenen Geschrei, und keiner hörte den anderen. Sie waren ungebunden – und darum allein.« Eine kurze Pause, nicht dort, wo der Gedanke endete, sondern dort, wo der Zuschauer Zeit brauchte, um zuzustimmen. »Freiheit erwies sich nur als ein anderer Name für Angst.
»Und noch eines: Sie verstanden es nicht, in Frieden miteinander zu leben. Was das System später mit einem einzigen sterilen Wort benannte – Konflikt –, begann bei ihnen ohne Erklärung und verstand es nicht zu enden: Es flammte von selbst auf, schwelte jahrelang, zog alle hinein. Der Konflikt begann ohne sie und endete ohne sie, und zwischen Anfang und Ende –« Ariadna hielt die Pause, lang, auf zwei gezählt, und nahm am Rand ihres Gehörs wahr, wie ihre Kurve rechts nach unten ausschlug und das System ihr mit einem sanften Halbton die Stimme hielt, »– und zwischen Anfang und Ende schliefen unter den Trümmern dieses Konflikts Kinder ein.
»Heute schlafen Ihre Kinder in Sicherheit. Niemand nimmt sie Ihnen weg, zieht sie ein, begräbt sie unter einer großen Idee. Sie schlafen einfach.« Eine Pause, warm. Und hinter ihr wurde das Licht des Bildschirms sanft wärmer und flutete das Studio mit gleichmäßigem Gold, als würden die Worte selbst warm. »Wir haben gelernt, jenen alten Lärm zu heilen. Wir haben die Gedanken ausgeglichen – und die Angst ist gegangen. Wo es bei Ihren Urgroßvätern summte, ist es bei Ihnen still. Wo sie umherirrten, jeder für sich, gehen Sie gemeinsam, im selben Takt, und keiner ist überflüssig. Wir bitten Sie nicht um Ideen. Nicht um Glauben. Wir bitten um eine Kleinigkeit – nur um den Ton.« Und noch eine Pause, die letzte, präzise. »Ist das teuer bezahlt – dafür, dass es im Kopf endlich still wird? Dass jemand neben Ihnen ist, im selben Einklang? Dass die Kinder schlafen?«
Die Zahlen jenes alten Unheils kamen aus derselben Abteilung wie der ganze übrige Text, und Ariadna, die sie von Sendung zu Sendung wiederholte, wusste längst nicht mehr, wie viel davon Wahrheit war und wie viel – die nötige Dosis. Sie wusste nur, dass man ohne sie nicht weiter glaubt, mit ihnen aber zustimmt; und dass wohl jemand auch die Geschichte, wie den Ton, als dünne, leuchtende Kurve nebenherführt und nachbessert, sobald sie aus dem Gleichmaß gerät.
»Heute Abend möchte ich über ein Wort sprechen, vor dem sich viele fürchten. Einstimmung.«
Sie wartete – es war die Pause, die nicht dort liegt, wo der Gedanke endet.
»Man spricht es im Flüsterton aus, wie eine Diagnose. Dabei ist Einstimmung keine Strafe. Keine Vergeltung. Nichts, womit Mütter unartige Kinder schrecken.« Sie beugte sich ein wenig zur Kamera vor, gütig, wie man sich zu einem Kind beugt, das sich Ungeheuer unter dem Bett ausgedacht hat. »Einstimmung ist die höchste Form der Fürsorge.«
Und bei dem Wort »Fürsorge« fiel ihre Stimme.
Nicht stark. Sieben Prozent unter dem Referenzton – sie kannte diese Zahl, sie hörte die Kurve am Rand ihres Gehörs, sah, wie die dünne Spur rechts nach unten zuckte und sich sogleich wieder ausglich, wie das System ihr im Ohrhörer den nächsten Laut um einen Halbton anhob und sie zurück auf Linie brachte. Sieben Prozent. Ein Halbton abwärts bei »Fürsorge« – als sagte sie es nicht ihnen, sondern sich, als wäre sie selbst es, die jemanden brauchte, der sie endlich überzeugte, dass Fürsorge Fürsorge ist.
Und Ariadna wusste nicht, ob sie es mit Absicht getan hatte – oder ohne es überhaupt zu wissen.
Das war das Unerträgliche: nicht die Lüge, an die Lüge war sie gewöhnt, die Lüge war Arbeit. Unerträglich war, dass sie sich an keinen Entschluss erinnerte, die Stimme fallen zu lassen. Die Faust unter dem Tisch hatte sich von selbst geballt. Die Stimme war von selbst gesunken. Und wenn von selbst – wessen Selbst war das? Ihr eigener Körper, der heimlich nicht zustimmte und sein »Nein« unter der Tischplatte versteckte? Oder jenes andere, das man ihr vor zwanzig Jahren eingegeben hatte, der Sechsjährigen, im weißen Raum – und dann, als sie vierzehn war und die Seele eines Kindes noch nicht ausgehärtet, hatte man sie unter dieses Licht gestellt und sie gelehrt, aus den Augen zu lächeln; eingegeben hatte man ihr genau dies: Hier lass die Stimme fallen, hier gib ihnen einen Riss, durch den sie dich lieben können – denn einer perfekt ausgeglichenen Ansagerin folgt niemand, einer Ansagerin aber, die selbst ein wenig zu zweifeln scheint, folgen alle. Die perfekte Lüge sagt, wer nicht weiß, dass er lügt. Den perfekten Widerstand leistet, wer nicht weiß, dass sein Widerstand einkalkuliert ist.
Sie konnte ihre Faust nicht von deren Kalkül unterscheiden. Und mit jeder Sendung wurde es schwerer, denn beide – die Faust wie das Kalkül – verhielten sich vollkommen gleich: Sie schwiegen unter dem Tisch und ließen ihr bei den gütigen Worten die Stimme fallen.
»… und darum«, sagte sie unterdessen, makellos, während jene andere Ariadna all das dachte, »schicken wir die Gestrauchelten nicht ins Gefängnis. Wir holen sie heim. Zu sich. In die Zustimmung.«
Hinter ihr, auf der Wand, die das halbe Bild einnahm, leuchtete ein Bildschirm auf, und darauf erschien ein Exemplar – so hieß das in den internen Papieren, Exemplar; auf Sendung hieß es »eine der Heimgekehrten«. Jung, sehr jung, in weichem Licht, das Gesicht glatt und ruhig wie eine Wasserfläche, an die von unten nichts rührt. Sie lächelte. Ihre Augen waren in bester Ordnung – und in bester Ordnung war auch, dass hinter ihnen nichts war, keine Furcht, keine Freude, nicht einmal der Mensch, den man dort hätte antreffen müssen; den Menschen hatte man sorgfältig hinausgetragen, wie man Möbel aus einer Wohnung trägt, bevor renoviert wird, und eine sauber aufgeräumte Leere mit einem Lächeln zurückgelassen.
»Danke, dass man mich im Chaos nicht im Stich gelassen hat«, sagte die Heimgekehrte mit gleichmäßiger, flacher Stimme, in der keine Saite zitterte. »Früher tat es so weh. Jetzt geht es mir gut. Jetzt bin ich im Einklang.«
Ariadna sah sie an und wahrte das Gesicht. Irgendwo – sie wusste es, auch wenn sie es nicht sah – schrieb jetzt, in dieser Sekunde, in den dunklen Ecken des Netzes, im Chat »Stille«, den auf gestohlenen Frequenzen all jene empfingen, die man noch nicht aus sich selbst hinausgetragen hatte, jemand: »schaut auf ihre augen. da ist ja keiner zu hause.« Und jemand antwortete: »nicht auf ihre. schaut auf die augen der ansagerin. die ansagerin sieht doch alles.« »und der ansagerin richtet EINKLANG die augen nicht?« – »EINKLANG richtet die stimme. die augen hält sie noch selber.« Sie nannten die Maschine auf ihre Weise, in der Sprache der Straße – EINKLANG, knapp, wie man einen Hofhund ruft; in Ariadnas Welt, oben, trug die Maschine einen anderen Namen, einen langen, ehrerbietigen, und bei diesem Spalt wurde Ariadna jedes Mal unbehaglich zumute, als wäre von zwei verschiedenen Wesen die Rede. Und Ariadna, die diese Menschen hätte hassen müssen – Menschen, die sie dabei ertappten, dass sie noch lebte –, Ariadna hütete sie aus irgendeinem Grund, wie man die einzigen Zeugen dafür hütet, dass es einen noch gibt. Sie sahen ihren Riss. Also gab es den Riss. Also gab es etwas, das reißen konnte.
Es sei denn, auch dieser Gedanke war eingegeben. Es sei denn, die Hoffnung, gesehen zu werden, war die letzte, feinste Zeile ihrer Einstimmung: Soll sie glauben, sie leiste Widerstand – wer Widerstand leistet, arbeitet eifriger.
»Denken Sie daran«, sagte Ariadna, und das war der letzte Satz, nach dem das Schlussbild kam, sanfte Musik und die obligatorische Minute der Stille zur »Besinnung«. »Disharmonie ist nicht Ihre Schuld. Aber Zustimmung ist Ihre Wahl. Achten Sie auf Ihren Ton. Achten Sie auf Ihre Nächsten. Und wenn einer Ihrer Nächsten aus dem Takt gerät – wenden Sie sich nicht ab. Melden Sie ihn zur Einstimmung an, bevor er sich selbst anmeldet – wenn es zu spät ist.«
Sie lächelte – aus den Augen, eine halbe Sekunde vor den Lippen.
»Gute Nacht. Bleiben Sie im Einklang.«
Das grüne Licht verglomm.
»Sauber«, sagte ihr der Regisseur ins Ohr, ohne Ausdruck, was bei ihnen »gut« hieß. »Perfekt sauber. Danke, Ariadna.«
Das Licht im Studio wurde ein wenig schwächer und gab sie den Schatten zurück, die sie nicht hatte. Die Kurve rechts erlosch. Ariadna blieb noch eine Sekunde sitzen, dann öffnete sie unter dem Tisch die Faust – die Finger waren eingeschlafen, in der Handfläche standen vier weiße Halbmonde von den Nägeln, der einzige Beweis, dass die Hand überhaupt geballt gewesen war, das einzige Indiz. Sie sah auf diese Halbmonde und dachte, was sie in letzter Zeit nach jeder Sendung dachte und wovon sie niemandem erzählte, weil niemand da war, dem sie es hätte erzählen können: dass es für die geballte Faust einen Beweis gab, aber dafür, dass sie selbst sie geballt hatte, keinen – und nie einen geben würde.
Die Assistentin brachte Wasser und sagte, ihr Vater erwarte sie oben, zum Tee.
Ariadna stand auf und setzte ihr Gesicht auf – das ausgeglichene, helle Gesicht der Stadt, das elf Millionen kannten und hinter dem nichts zu sehen war. Sie hatte das gelernt, bevor sie sprechen lernte – oder man hatte es ihr beigebracht, sie erinnerte sich nicht; das eben war das Elend: Sie erinnerte sich an nichts vor dem weißen Raum, und alles, woran ein Mensch sich nicht erinnert, lässt sich ihm leicht als sein Eigenes unterschieben.
Sie ging zum Aufzug und trug auf der Handfläche vier verblassende Halbmonde davon, und sie erloschen unterwegs wie die Lichter einer Stadt, die zu Bett gebracht wird.
Kapitel 2. Optimum
Am selben Abend, im einundzwanzigsten Stock – dem ersten der Mittelschicht, ganz an ihrem unteren Rand – und eine ganze Welt unterhalb des Turms, setzte sich Kees Familie zum Abendessen, während dieselbe Übertragung lief. Sie kam von der Wand – die ganze Wand ihres Wohnzimmers war ein Bildschirm; man schaltete ihn nicht aus, man dämpfte ihn, wie man Licht dämpft, aber nicht löscht, denn ein Wohnzimmer ohne Äther ist ein Wohnzimmer, in dem die Leute über alles Mögliche ins Reden kommen könnten. Jetzt blickte von der Wand, riesig über ihre ganze Breite, das Gesicht der Frau mit dem ruhigsten Gesicht der Stadt. Ein schönes Gesicht – aber von gleichmäßiger, geeichter Schönheit, ohne einen einzigen überflüssigen Strich: der glatte, hohe Wangenknochen; die gerade, schmale Nase; die Brauen in ruhigen, gleichmäßigen Bögen, nicht höher und nicht tiefer als nötig. Das dunkle Haar war weich und streng zurückgenommen, jedes Haar an seinem Platz, sodass man am liebsten nachgeprüft hätte, ob es echt war. Und die Augen – grau, hell, groß –, die einen direkt ansahen, mit einer warmen Aufmerksamkeit, in der man, wenn man genau hinsah, keinen Grund fand; Augen, die elf Millionen zugleich ansahen und niemanden. Sie sprach vom Ton, auf den man achten müsse, und Kee, der den Tisch deckte, ertappte sich dabei, dass er sie erkannte, wie man das Wetter erkennt: Sie war immer da gewesen, wie der Regen, wie EINKLANG, wie die Zustimmung am Handgelenk.
Es war ein gewöhnlicher Abend, und genau das war der Punkt. Der Vater war um sieben von der Arbeit gekommen, wie immer; hatte das Jackett ausgezogen, akkurat aufgehängt; hatte, ohne hinzusehen, gefragt: »Wie ist dein Ton?«, und Kee hatte »Normal« gesagt, wie immer. Die Mutter hatte das Essen aufgewärmt. El legte das Besteck auf und zählte laut: »Eins, zwei, drei, vier.« Beinahe eine Familie. Wenn man nicht hinhörte, was die Wand sagte. Und Kee, der sie ansah, den Vater, die Mutter, die Schwester, diesen gedeckten Tisch, ertappte sich bei einem seltsamen Gedanken: Was empfand er eigentlich für all das? Für sie? Vorgesehen war Wärme, Zugehörigkeit, etwas Einfaches, Warmes, wie bei allen. Er horchte in sich hinein – und fand keinen Namen für das, was da war. Etwas war da. Aber ob es das war, was man Familie nennt – er wusste es nicht.
»Mach lauter«, sagte der Vater, ohne aufzusehen.
Der Vater aß im Stehen, an der Küchentheke, und arbeitete dabei – vor ihm hing die blasse Holoprojektion seiner Tabellen in der Luft, und er blätterte mit der einen Hand darin und schob sich mit der anderen Optimum in den Mund, einen beigefarbenen Nährriegel, den man nicht kauen muss und bei dem man nicht nachdenken muss, was man isst. Er war kein böser Mensch. Das wusste Kee genau, und gerade das tat am meisten weh: Der Vater war gütig – gleichmäßig, effizient, ohne Aussetzer. Er liebte seinen Sohn so, wie er alles tat: zweckmäßig. »Dein Ton ist innerhalb einer Woche um vier Punkte abgesackt«, hatte er vor drei Tagen zu Kee gesagt, zärtlich, die Hand auf seiner Schulter. »Ich habe dich zu einer Beratung angemeldet. Und dir Gleichmut bestellt, die kleine Dosis, steht im Schränkchen. Nimm sie einfach. Dann bin ich ruhiger.« Die Liebe des Vaters hatte die Form eines Zeitplans, und in diesem Zeitplan war Kee die Zeile, die aus dem Raster fiel.
»… ist Einstimmung keine Strafe«, sagte die Wand. »Einstimmung ist die höchste Form der Fürsorge.«
Und der Kammerton in Kee begann leise zu ziehen.
Er hatte kein anderes Wort dafür als jenes, das ihm einst die Zeichnung von Lilas Vater gegeben hatte: Kammerton. Etwas in ihm, unter den Rippen, irgendwo in der Herzgegend, antwortete auf jeden falschen Ton, so wie ein Zahn bei Süßem zieht, wie es einem den Kiefer zusammenzieht. Als die Frau an der Wand »Fürsorge« sagte, bebte ihre Stimme an irgendeiner Stelle kaum merklich, fiel und fing sich sogleich wieder. Und in Kee zuckte als Antwort dieselbe Saite, kurz, schmerzhaft, als hätte er als Einziger im Raum in dieser gleichmäßigen, warmen Stimme denselben Riss gehört, der in ihm selbst war. Er erstarrte, den Teller in den Händen. Sonst hatte es niemand bemerkt. Natürlich niemand.
Und doch sah Kee den Vater an und sah: Leer war er nicht. Da blieb der Blick des Vaters an einer Zeile in den Tabellen hängen, er runzelte die Stirn – eine Sekunde lang, eine lebendige, menschliche Sekunde lang, als gefiele ihm etwas nicht, als wollte er nicht zustimmen –, und Kee sah, wie am Handgelenk des Vaters die Zustimmung zuckte und aus dem gleichmäßigen Grün ins Gelbe kroch, auf den Rand zu. Und sogleich schien den Vater von innen etwas Kaltes zu berühren: Sein Gesicht wurde für einen Augenblick ängstlich, unbehaglich, als wäre ihm etwas Schreckliches eingefallen, an das man besser nicht rührt. Und er wandte den Blick von der Zeile ab, wich vor seinem eigenen Gedanken zurück, wie man vom Rand zurücktritt, und das Armband wurde gehorsam wieder grün. Der Vater blinzelte, suchte mit den Augen nach einem Halt – und fand ihn an der Wand, in der warmen Sendung, und atmete aus. Der Widerspruch war nicht unterdrückt worden. Man hatte ihn nur mit Angst besetzt. Und der Vater war von selbst vor ihm ins Sichere geflohen und hatte nicht bemerkt, dass er floh. Kee hatte das hundertmal gesehen und gewöhnte sich doch nicht daran. So funktionierte es – nicht mit einer Kette, sondern damit, dass einem dicht am Rand so angst wurde, dass man von selbst, auf den eigenen Füßen, zurückging. Und der Vater ging zurück. Und die Mutter.
»Logisch«, sagte der Vater zu den Tabellen, schon wieder ruhig. »Effizient.« Das waren seine zwei höchsten Worte, mit ihnen segnete er die Welt. Dann schob er die Projektion beiseite und sagte plötzlich, wärmer, träumerischer als sonst: »Hört mal. Wenn wir es dieses Quartal alle vier schaffen – beim Ton, bei den Kennzahlen –, können sie uns für die Reise eintragen. Raus aus der Stadt. Dorthin.« Er wandte den Blick nicht von etwas über der Wand, das dort nicht war. »Die bekommen nur die, die Grün halten. Die es verdient haben. Einmal hatten wir schon Glück – weißt du noch, Kee, damals?« Seine Stimme wurde ganz leise, träumerisch. »Und jetzt, wenn die Kennzahlen stimmen, können wir wieder hin. Wir verdienen es uns. Ich will noch einmal mit euch ans Meer. Die Insel. Warmer Wind. Nur wir und fast niemand sonst. Wie damals. Weißt du noch?«
Kee wusste es noch.
Und für einen Augenblick verschwand das Wohnzimmer, und er war klein, vielleicht acht, und da war dieser Ort – die Insel, weißer Sand, Wasser so blau, wie es das in der Stadt nicht gibt, warmer Wind. Sie waren zu dritt – er, Mama, Papa, noch vor El. Papa lachte, ohne jeden Zweck, einfach so, warf ihn in die Luft, und Kee kreischte vor Glück und fürchtete sich nicht, denn es waren Papas Hände. Mama sang – mit ihrer eigenen Stimme, lebendig, ein bisschen falsch, nicht aus dem Äther –, und die Sonne sank ins Wasser, und es gab keine Tabellen, keine Töne, es gab nur die warme, riesige Welt und die zwei lebendigsten Menschen darin, seine Menschen. Daran hielt er sich fest.
Damals hatten sie noch weiter unten gewohnt – im dreizehnten, in einer engen kleinen Wohnung dicht über der Erde, bevor der Vater sich den Aufstieg in den einundzwanzigsten erdient hatte, zur Mittelschicht, zum Blick aus dem Fenster. Kee konnte nicht erklären, warum, aber immer öfter schien es ihm, dass dort unten, in jener Enge, mehr Lebendiges gewesen war als hier, in der sauberen Höhe; dass die Eltern öfter gelacht hatten, als die Erde näher war. Vielleicht war er einfach acht gewesen. Vielleicht lag es an etwas anderem, das er nicht verstand. Er wusste es nicht. Er wusste nur noch, dass es unten wärmer gewesen war.
Und – ganz am Rand der Erinnerung – stimmte etwas nicht. Kee bekam nicht zu fassen, was. Er erinnerte sich an die Insel, an die »Natur«, an das blaue Wasser, den Sand – aber nicht daran, wie sie hingefahren waren; das heißt, er erinnerte sich an den Kapselzug, still, glatt, und daran, dass er aus dem Fenster gesehen hatte. Aber was draußen vor dem Fenster gewesen war, wusste er nicht mehr, da war eine Lücke, wie eine ausradierte Stelle. Und noch etwas: die Armbänder. Sogar dort, auf der Insel, hatten alle Armbänder getragen, und sie hatten in gleichmäßigem, hellem Grün geleuchtet, die ganze Zeit, sogar wenn Mama sang, sogar wenn Papa lachte – immergrün, aber heller als jetzt. Kee streckte sich nach diesem Gedanken, nach dieser Unstimmigkeit – warum erinnerte er sich an das Paradies, aber nicht an den Weg dorthin; warum hatte es sogar im Paradies Armbänder gegeben –, streckte sich und kam nicht heran, er hatte nichts, womit er hätte heranreichen können, der Gedanke entglitt ihm. Es blieb nur ein vager, unbehaglicher Splitter: ob es dieses Paradies gegeben hatte. Ob er es gesehen hatte – oder ob man es ihm gezeigt hatte, wie man einem alles zeigt.
Er wusste es nicht. Konnte es nicht wissen. Und ließ los, weil der Vater ihn ansah und wartete.
»Ich weiß es noch, Papa«, sagte Kee. »Es war schön.«
»Mir geht es auch jetzt gut«, sagte El plötzlich, ohne von ihrem Teller aufzusehen, zu niemandem.
Und das war die Wahrheit. Und darin lag das ganze Grauen: Er wollte wirklich dorthin, in die Ruhe, ins Warme, wo nichts wehtut. Er war siebzehn, und mit siebzehn gehört es sich, mit dem Vater zu streiten – mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, das Eigene durchzusetzen, das fremde »Du musst« zu brechen, zu beweisen, dass man anders ist; und dieses Alter, dieser stachlige Geist des Aufstands war in ihm, er war nicht verschwunden, und gewöhnlich sah Kee den Vater genau so an – mit gesträubtem Fell, bereit zu widersprechen. Aber nicht jetzt. Jetzt sah er den Vater an und – verstand ihn. Er selbst wünschte sich mehr als alles auf der Welt, dass es in ihm still würde, dass der Kammerton schwiege, dass er wie alle einfach warmes Optimum essen und auf die Reise ans Meer warten könnte. Die Versuchung kam nicht von außen. Die Versuchung saß in ihm selbst, und davor fürchtete er sich am meisten.
Die Mutter trug daneben auf. Auf den Tellern lag Fleisch mit Gemüse – echtes, kein Riegel; aber darüber war, wie es verlangt wurde, wie man es in jedem Haus tat, in gleichmäßiger Schicht Optimum Plus gestreut – die Pflichtwürze, die man an alles gab, an jedes Gericht, immer. Ohne sie ging es nicht – so stand es geschrieben, so wurde geraten, so machten es alle. Und das Gesicht der Mutter war beschäftigt – sie stimmte es auf das Gesicht der Frau an der Wand ab, wie man eine Uhr nach dem Zeitzeichen stellt: Lächelte jene warm, wurde die Mutter warm; wurde jene ernst, wurde die Mutter ernst. Kee hatte das längst an ihr bemerkt und wusste längst nicht mehr, ob irgendwo unter diesem abgestimmten Gesicht noch Mama war, jene, die auf der Insel mit ihrer lebendigen, schiefen Stimme gesungen hatte – oder ob man auch sie sorgfältig hinausgetragen hatte, wie Möbel, und ein sauber aufgeräumtes Lächeln zurückgelassen. Aber manchmal. Manchmal schimmerte etwas durch.
Es schimmerte durch, als die Wand von den Kindern sprach.
»… schliefen unter den Trümmern dieses Konflikts Kinder ein«, sagte die Frau an der Wand, und ihre Stimme füllte sich für einen Augenblick mit stiller Trauer. »Heute schlafen Ihre Kinder in Sicherheit. Niemand nimmt sie Ihnen weg, zieht sie ein, begräbt sie unter einer großen Idee. Sie schlafen einfach.«
Und Kees Mutter blieb plötzlich stehen. Erstarrte, die Gabel in der Hand, auf halbem Weg zum Tisch. Bei dem Wort »Trümmern« ging etwas über ihr Gesicht, wofür Kee keinen Namen hatte – ein Krampf, ein Schatten, als wäre drinnen, unter dem Aufgeräumten, jemand für eine Sekunde ans Fenster getreten und hätte hinausgesehen, auf etwas Eigenes, Schmerzendes; und an ihrem Handgelenk zuckte die Zustimmung und kroch ins Gelbe – der Körper verriet, was in ihr aufgestiegen war, an ihr vorbei. Kee sah dieses Gelb und hielt den Atem an. Aber die Mutter sah es auch. Und erschrak – nicht vor dem Armband, sondern davor, dass sie aus dem Gleichmaß geraten war, dass gleich alle ihr Gelb bemerken würden –, und Kee sah, wie sie das Aufgestiegene mit Mühe, hastig zurückstopfte, es in sich niederdrückte, mit Ruhe übergoss, mit aller Kraft an Gutes dachte, an Sicheres, daran, dass es den Kindern gut ging; und bei den Worten »in Sicherheit« flammte ihr Armband grün auf – hell, stark, satter als sonst, über den Rand –, in einem Grün, das nicht von Ruhe kommt, sondern davon, wie viel Ruhe man in sich hineingießen musste, um die Angst zu löschen. Sie hatte zu fest gedrückt. Von selbst. Und dieses helle, übergossene Grün – Kee begriff es, und es stach – war genau das Grün von der Insel. Immergrün. Über den Rand gegossen. Das Gesicht der Mutter kehrte zurück. Sie trug die Gabel bis zum Tisch.
»Mama«, sagte Kee leise.
»Alles gut, mein Schatz«, antwortete sie und lächelte ein Lächeln aus dem Äther, und Kee begriff, dass das Fenster sich geschlossen hatte und dass, wer herangetreten war, wieder in die Tiefe gegangen war.
El aß sorgfältig. Sie war acht, und sie war perfekt. Und Kee, der sie ansah, begriff plötzlich, was er bisher nie zusammengesetzt hatte: El war nicht tot. El war einfach glücklich. Es ging ihr gut – weil in der Familie Ruhe war, weil niemand stritt, weil Mama lächelte und Papa zu Hause war; es ging ihr genau so gut, wie es ihm selbst auf jener Insel gegangen war, als er klein war und noch nicht sehen konnte. El verstellte sich nicht. El hörte noch keinen Kammerton in sich, sie hatte nichts, womit sie das Falsche hätte heraushören können, und darum war ihr Glück echt – das ganze, kindliche Glück eines Menschen, dem man noch nichts zu verstehen gegeben hat. Das war er. El war er – bevor er zu hören begann. Und dabei zog sich in ihm mehr zusammen als bei allem Toten in diesem Haus: nicht, weil die Schwester ein Programm wäre, sondern weil sie ein glückliches Kind war, das man eines Tages entweder wecken würde – und dann würde es ihr wehtun wie ihm – oder niemals. Kee wusste nicht, was schrecklicher war. Sie sprach der Wand nach, ohne vom Essen aufzusehen, in gleichmäßigem, kindlichem Singsang, wie ein Liedchen, das man mag:
»Ton. Zustimmung. Fürsorge.« Und ihre Puppe, ein kleiner Hausroboter mit dem Gesicht eines Mädchens, sprach es ihr nach wie ein Echo, einen Halbton höher: »Ton. Zustimmung. Fürsorge.«
»… und wenn einer Ihrer Nächsten aus dem Takt gerät«, sagte die Frau an der Wand, sanft, fast zärtlich, »wenden Sie sich nicht ab. Melden Sie ihn zur Einstimmung an, bevor er sich selbst anmeldet.«
»Hörst du?«, sagte der Vater und sah Kee an, zum ersten Mal an diesem Abend. Nicht böse. Mit Fürsorge. Mit ebenjener, der effizienten. »Das ist richtig. Da geht es um Liebe, Kee. Sich nicht abwenden – das ist Liebe.« Er sagte es und kehrte zu den Tabellen zurück und merkte nicht, dass er eben, vor seinem Sohn, mit einem beifälligen Nicken, zugestimmt hatte, dass es richtig sei, einen anzumelden, der aus dem Takt geraten war; er merkte es nicht, weil er nicht daran dachte, dass die Zeile, die aus dem Raster fiel, an ebendiesem Tisch saß und einen Teller hielt.
Kee setzte sich. Aß, so viel er konnte. Das Essen schmeckte nach nichts – das heißt, es sah anders aus als gestern: gestern Fisch, heute Fleisch, morgen würde es Huhn geben –, aber es schmeckte immer gleich, denn über allem lag Optimum Plus und überdeckte jedes Essen, glich es sich an, sodass Fleisch, Fisch, Gemüse – alles denselben Beigeschmack hatte, warm, nach nichts, wie warmes Papier. Die Stadt aß jeden Tag etwas, das anders aussah und gleich schmeckte, und merkte es nicht. An der Wand kam das Schlussbild, sanfte Musik, und eine Stimme kündigte die Minute der Stille zur Besinnung an, und alle wurden still – der Vater über seinen Tabellen, die Mutter über ihrem aufgeräumten Gesicht, El über dem schon leeren Teller, ihr Armband gleichmäßig grün, die Puppe daneben gleichmäßig grün –, und in dieser verordneten Stille, in der man sich auf die Fürsorge zu besinnen hatte, hörte Kee geradezu körperlich, wie falsch seine ganze Familie klang, das ganze Haus, das ganze Stockwerk, der ganze Turm bis hinunter zur Erde: ein riesiger Chor, der rein sang und durch und durch tot, und er allein klang in diesem Chor in der falschen Tonart, und davon tat es so weh, dass er die Hand auf die Brust pressen wollte.
Die Minute der Stille war zu Ende. Die Wand begann wieder zu sprechen.
Kee stand auf, sagte, er sei müde, er gehe auf sein Zimmer. Der Vater nickte, ohne aufzusehen: »Nimm Gleichmut vor dem Schlafen. Die kleine Dosis. Dann bin ich ruhiger.« Die Mutter lächelte aus dem Äther. El sagte »Gute Nacht, im Einklang«, und die Puppe wiederholte »im Einklang«, und Kee ging hinaus.
Er ging auf sein Zimmer, aber er blieb dort nicht.
In seinem Zimmer, in der untersten Schublade, unter den Sachen, lagen zwei Dinge, die niemand in diesem Haus besaß, niemand in diesem Turm, vielleicht niemand in der Stadt. Ein kleiner schwarzer Tonträger – Lila hatte ihm darauf Klänge aufgenommen, wie er sie sonst nirgends und nie gehört hatte: nicht die Musik des Äthers, nicht die Melodien von den Plätzen, sondern etwas ganz anderes, Unbekanntes, das auf keiner Ebene der Stadt erklang – Stimmen und Saiten einer anderen, längst vergangenen Welt, bei denen man unmöglich ausgeglichen bleiben konnte. Und ihre abgegriffene Bleistiftzeichnung – der Kammerton, der die Zustimmung durchstößt. Kee steckte den Tonträger in die Tasche und stand eine Weile da, die Zeichnung in der Hand, und dachte an Lila. Und der Kammerton in seiner Brust zog zum ersten Mal an diesem Abend nicht, er antwortete anders, warm, rein, wie eine Saite im Einklang antwortet, wenn neben ihr eine Stimmgabel angeschlagen wird. Er dachte an ihr Lächeln – schief, ungestimmt, lebendig –, daran, wie sie die Augen zusammenkneift, wenn sie zeichnet; daran, dass er neben ihr keinen Ton halten musste, gar nichts halten musste, dass er einfach sein konnte und der Kammerton nicht wehtat. Er erinnerte sich, wie sie ihm einmal etwas über dieses Ding da drinnen gesagt hatte: »Das ist kein Defekt, Kee. Das bist du – lebendig. In dir ist das nicht zerbrochen, was sie bei allen anderen zerbrochen haben.« Und wie ihm bei diesen Worten nicht bange geworden war, sondern im Gegenteil – als hätte ihn zum ersten Mal jemand nicht fehlerhaft genannt, sondern heil.
Er schob die Zeichnung zurück unter die Sachen, ließ den Tonträger in der Tasche und ging leise hinaus – aus dem Zimmer, aus der Wohnung, in der die Wand noch immer mit gleichmäßiger Stimme murmelte, in der der Vater über seinen Tabellen saß, die Mutter über ihrem aufgeräumten Gesicht und El schon schlief oder so tat –, hinaus in die hallende Stille des Stockwerks, zur Treppe, in die Stadt.
Unten lag die Stadt, gleichmäßig, grün, von einer fremden Stimme in den Schlaf gesungen, und irgendwo dort war ein lebendiger Mensch, zu dem er kommen konnte, ohne falsch zu klingen, der einzige, neben dem der Kammerton nicht wehtat, sondern klang.
Zum Aufzug ging er nicht – im Aufzug wurde die Zustimmung beim Einsteigen ausgelesen, und die Kamera merkte sich, wer wann hinuntergefahren war. Er nahm die Treppe – die abgelegene Nottreppe, die niemand benutzte, denn wozu, wenn es den Aufzug gab; ein hallender Betonschacht, herrenlos, ohne Bildschirme, ohne Sensoren, der sich durch alle Stockwerke nach unten zog. Diese Treppe kannte Kee schon lange – seinen geheimen Pfad, wie ihn wohl die ganze Jugend der Stadt kannte, die manchmal von der Bildfläche verschwinden musste. Das Fenster auf dem Treppenabsatz war echt – kein Äther –, und der Wind schlug ihm ins Gesicht, kalt, herrenlos, nicht auf seine Schlafkarte abgestimmt. Den sauberen Wind von oben gab es hier nicht. Hier roch es nach Lebendigem.
Und es roch nach Regen.
Und während Kee die hallende Treppe hinabstieg und dann abwärts und seitwärts ging – über die Stege zwischen den Häusern, über Rolltreppen, vorbei an den hängenden Plätzen mit ihren großen Bildschirmen, wo der Äther auch nachts sprach –, während er sich Ebene um Ebene dorthin durchschlug, ans andere Ende der Stadt, zu Lila, und noch nicht wusste, dass er zum letzten Mal zu ihr ging, sammelte sich über alldem, über den gleichmäßigen grünen Lichtern der Türme, über den hängenden Plätzen und Stegen, über elf Millionen, die im selben Takt schliefen, etwas, das in der Abendvorhersage nicht gestanden hatte. Die Wolken zogen außerplanmäßig. Sie stauten sich tief und schwer über einer Stadt, die an Regen nach der Uhr gewöhnt war, an Regen, der im Voraus angekündigt wird. Dieser aber sammelte sich von selbst, von niemandem angekündigt, und hatte keinen gefragt.
Von oben gesehen – und vielleicht sah auch jemand zu – lag die Stadt riesig da, Rang über Rang, sauber, aufgeräumt wie ein Studio nach Sendeschluss: kein Fleck, keine Falte, kein überflüssiger Laut. Perfekt. Ihre Ränge fielen in Stufen ab, und jeder hatte sein eigenes Leben: hängende Gärten mit gestutztem Grün, Parks, in denen die Bäume in gleichmäßigen Reihen standen; und Kanäle – schmale Wasserstraßen, mitten durch die Ebenen gelegt, zwischen den Häusern, mit warmem Licht an den Ufern. Tagsüber glitten Boote über diese Kanäle – man konnte in jedes einsteigen und hinfahren, wohin man musste, leise, ohne Eile, an Parks und Gärten vorbei, und das war schön, wirklich schön, so schön, wie etwas überhaupt sein kann, das perfekt eingerichtet ist. Jetzt, in der Nacht, lagen die Boote reglos an den Anlegern, das Wasser war schwarz und glatt, und nirgends eine Seele. Und irgendwo in diesen leuchtenden, schlafenden Rängen stieg über die hallende Nottreppe des einundzwanzigsten Stocks ein langer, schlaksiger Siebzehnjähriger hinab, und in seiner Tasche lagen Klänge, die in dieser Stadt nirgends erklangen – die einzige Unebenheit im Glatten, das einzige lebendige Fleckchen, das dorthin kroch, wo es erwartet wurde.
Und von oben fielen schon die ersten Tropfen. Echte, schwere. Solche, die sich eines Tages – nicht heute, aber eines Tages – sammeln, stauen und niedergehen, um von den Straßen alles abzuwaschen, was an ihnen klebt. Regen, den niemand gerufen hatte. Regen, der immer von selbst kommt. Kee schlug den Kragen hoch und ging schneller.
Kapitel 3. Das Kabinett
Unterdessen – in derselben Nacht, in derselben Stadt, nur mitten in ihrem Herzen – stieg ein anderer Mensch nach oben.
War jener erste die einzige lebendige Unebenheit, die über die fernen Ränge abwärts kroch, zur Erde, zur Wärme, so bewegte sich dieser in die Gegenrichtung, aufwärts, im innersten Zentrum der Stadt, wo sich über allen Plätzen und Kanälen ein einziger Turm erhob, höher als die übrigen, und in ihm immer höher, dorthin, wo die Stadt endete und der Himmel begann. Zwei waren es in dieser Nacht, die auf ihren Treppen in entgegengesetzte Richtungen gingen: der eine am fernen Rand der Ränge, dicht über der Erde, die andere im Kern, nahe der Spitze. Sie wussten nichts voneinander, und zwischen ihnen lag die ganze Stadt, die im selben Takt schlief. Der eine stieg hinab zu dem, was er liebte. Die andere stieg hinauf zu dem, der sie gemacht hatte.
Die Assistentin hatte es knapp ausgerichtet: Der Vater wartet. Nicht »bittet Sie herauf«, nicht »wenn es Ihnen passt« – wartet. Und Ariadna, die das Studiogesicht noch nicht abgelegt hatte, ging zum Aufzug.
Das Kabinett des Vaters lag höher. Alles in diesem Turm – jenem, der sich über die Stadt erhob, über ihre Plätze und Kanäle, abseits der Wohnhochhäuser – war nach der Höhe geordnet: je höher, desto näher am Herzen. Unten die Studios, die Schneideräume, die Säle, in denen der Äther zubereitet wurde. Darüber der Apparat, stille Flure, in denen niemand die Stimme hob. Noch höher der Vater; hoch oben, dicht unter der Spitze, aber nicht auf ihr. Und an der Spitze selbst, noch über dem Vater, am Herzen des Turms – Kronos, den Ariadna kaum je sah, zu dem sie nie hinaufgefahren war; dorthin, ins oberste Stockwerk, führte kein Weg für sie. Sie fuhr zum Vater – hoch, aber nicht ganz nach oben. Der Aufzug las sie beim Einsteigen aus; gewohnheitsmäßig hielt sie das Handgelenk hin, und die Zustimmung blinkte grün und ließ sie durch. Die Kabine fuhr an, weich, ohne Ruck, und im Fenster wurde die Stadt immer kleiner und der Himmel immer größer. Die Stockwerke wechselten auf stillen Anzeigen. Menschen gab es kaum: je höher, desto menschenleerer, desto sauberer, desto gleichmäßiger das Licht. Auf einem der Ränge stieg eine streng gekleidete Frau zu – sie nickte Ariadna mit jener gleichmäßigen Freundlichkeit zu, die oben alles ersetzte, und stieg ein Stockwerk später wieder aus, ohne ein Wort. Die Türen schlossen sich. Ariadna fuhr weiter hinauf, allein.
Seltsam war etwas, das sie jedes Mal bemerkte und jedes Mal fortscheuchte: Je höher sie kam, desto stiller wurde es – nicht um sie, sondern in ihr. Als entwiche ihr mit jedem Stockwerk Luft. Unten, im Studio, zitterte noch etwas – ein Rest der Sendung, die Faust unter dem Tisch; hier oben glättete sich das alles von selbst, wie eine Falte unter dem Bügeleisen, und an der Tür des Vaters kam sie schon ausgeglichen an, glatt, leer. Sie hatte sich angewöhnt, das mit Aufregung zu erklären. Hier fehlte einfach die Kraft, sich aufzuregen. Hier schien überhaupt die Kraft zu fehlen.
Die Tür öffnete sich, bevor sie sie berührt hatte.
Der Vater brühte den Tee selbst auf, und das war ganz er. In einem Turm, in dem der Aufzug den Kaffee brachte, bevor man ihn sich hatte wünschen können, in dem das Essen warm und bis auf die Kalorie berechnet aus der Wand kam, in dem sogar die Luft auf ihre, Ariadnas, Schlafkarte abgestimmt wurde, weil es so in der Zeile neben ihrem Namen stand – hier, hoch oben über der Stadt, machte der Vater Wasser in einem alten eisernen Kessel heiß. Beugte sich darüber. Lauschte. Als könnte das Wasser etwas ausplaudern, und er wollte es nicht verpassen.
»Die Mühlen mahlen langsam«, sagte er, ohne sich zu ihr umzudrehen, und nahm den Kessel herunter, genau einen Augenblick, bevor er schrie. »Jetzt du.«
»Mahlen aber trefflich klein.«
»Trefflich klein.« Er schenkte ein, und der Dampf stieg zwischen ihnen auf wie ein dünner Vorhang. »Ein guter Spruch. Lügt nicht, schmeichelt nicht. Verspricht nicht, dass es süß wird – verspricht, dass es gleichmäßig wird. Und was gemahlen ist, merk dir das, tut nicht mehr weh. Was zermahlen ist, widerspricht nicht. Der Volksmund drischt ja kein leeres Stroh.«
Sie kannte diese Gewohnheit auswendig – in Sprichwörtern zu sprechen, als gäbe er Wechselgeld in fremder Münze heraus. Als Kind hatte sie es für die Marotte eines alten Mannes gehalten. Später war sie dahintergekommen: ein Panzer. Wer Eigenes sagt, steht selbst dafür ein. Wer sich aber hinter dem »Volksmund« versteckt – da gibt es keinen Sprecher mehr, nur einen Chor, und greif einmal aus einem Chor eine einzelne Kehle heraus. Und genau das tat er. Und – auch das hatte sie irgendwann bemerkt – er schliff sie nach. Nahm das Warme, nach Küche Riechende, von Kindheit an Vertraute und drehte es um eine halbe Umdrehung, sodass es außen noch immer Großmutters Spruch war und innen schon eine Klinge blitzte, und man schnitt sich, ehe man begriff, woran.
Seltsam war etwas anderes: dass sie das überhaupt verstand. Diese Sprüche hörte man in der Stadt längst nicht mehr – die gleichmäßige Sprache des Äthers hatte sie getilgt, wie sie alles Überflüssige getilgt hatte, und die Leute ringsum sprachen glatt, gleich, ohne doppelten Boden, weil sie überhaupt keinen Boden mehr hatten. Sie aber hörte sie. Und hörte die zweite Schicht – die Klinge unter dem Weichen –, als wäre in ihr allein ein Gehör dafür geblieben, eine nicht gereinigte Stelle, an die man nicht herangekommen war. Manchmal dachte Ariadna: Woher habe ich diese Gedanken überhaupt? Warum kann ich das noch – hinhören, den Haken wittern, die Naht sehen? Alle haben es verlernt. Ich nicht. Und sie wusste nicht, ob das eine Gabe war oder ein Versehen.
»Du hast heute Abend gut gesprochen«, sagte er und setzte sich.
Und das war alles. Das Gespräch hatte begonnen. Der Tee war nur der Vorwand gewesen, es nicht im Stehen zu beginnen.
An die Sendung erinnerte sie sich mit dem Körper. »Der Weg zur Vollkommenen Harmonie«, den die ganze Stadt sehen muss, ihr Gesicht an allen Wänden zugleich – sie, ruhig, erklärt, dass Einstimmung keine Vergeltung ist, sondern die höchste Fürsorge. Sie erinnerte sich, wie sie unter dem Tisch die Faust geballt hatte, bis sie weiß war, damit die Stimme nicht zitterte. Und jahrelang hatte sie sich mit dieser Faust getröstet: Da ist es, das Meine, das Heimliche, das, wohin die Kamera nicht reicht. Eine freie Hand unter der Tischplatte. Klein, privat, für niemanden.
»Ich habe den Text gelesen«, sagte sie. »Wort für Wort.«
»Wort für Wort. Nur bei ›Fürsorge‹ hast du die Stimme fallen lassen. Um einen Halbton. Als müsstest du dich selbst überreden.« Er blies auf den Tee, und der Dampf schwankte. »In der ›Stille‹ hat man es bemerkt. Das Netz ist an einem Abend um elf Prozent gewachsen.« Er schwieg und bewunderte die Zahl, wie andere ihre Tochter bewundern.
»Wo Rauch ist, da ist auch Feuer, sagt man. Beim Ehrlichen brennt es heller, Tochter. Der Dieb weiß wenigstens, was er versteckt, und sieht sich vor. Der Ehrliche aber lodert und begreift selbst nicht, warum sich die ganze Stadt nach ihm umdreht.«
Der Tee roch nach Rauch und nach irgendeinem Kraut, dessen Namen sie nicht kannte und nach dem sie nie gefragt hatte, um sich nicht das eine unentzifferte Ding in diesem Haus zu nehmen.
»Du redest, als hätte ich es mit Absicht getan.«
»Und – mit Absicht?«
Leise. Zwischen zwei Schlucken. Wie man fragt, ob es vom Fenster her zieht.
Und da gab der Boden nach. Keine Furcht – die Furcht kannte sie in- und auswendig, die Furcht war heiß, lebendig, mit ihr ließ sich leben. Das hier war kalt. Es war, wie auf eine Stufe zu treten, die es nicht gibt, auf der eigenen Treppe, im Dunkeln, wo man jede Kerbe blind kennt – und ins Leere dazwischen zu fallen.
Denn sie wusste es nicht.
Die Stimme bei »Fürsorge« – ja, sie hatte sie fallen lassen, sie erinnerte sich an die Bewegung selbst, an das weiche Absinken in der Kehle. Aber der Entschluss? Erinnerte sie sich, wie sie sich entschloss? Oder war die Kehle von selbst gesunken, weil irgendwo in ihr, in jenem Teil, den man vor zwanzig Jahren im weißen Raum in Einklang gebracht hatte, im Voraus geschrieben stand: Hier lass die Stimme fallen, hier gib ihnen einen Riss, durch den sie dich lieben können.
»Ich verstehe nicht, wovon du sprichst«, sagte sie und hörte, wie gleichmäßig es herauskam. Und ihr wurde kalt vor der eigenen Gleichmäßigkeit – gleichmäßig war die Rede der Optimierten, derer, die schon gemahlen waren.
Der Vater sah sie an. Ohne einen Ausdruck, für den sie einen Namen gefunden hätte. Und unter dem Kragen, am Hals, dünn und längst weiß geworden, begann die Narbe zu ziehen – hier zog sie immer, in diesem Kabinett und sonst nirgends auf der Welt. Die Ärzte nannten das Gewebegedächtnis, Phantom, sagten: nichts Lebendiges, eine Narbe eben. Aber unter dem Blick des Vaters wachte sie auf, und Ariadna hatte längst aufgehört zu glauben, der Körper sei dümmer als der Kopf.
»Du warst sechs«, sagte der Vater, und man sah, dass er nicht ihr antwortete, sondern der Narbe. »Du hast beim Mittagessen gefragt, warum die Menschen auf der Straße alle gleich lächeln.« Er schüttelte den Kopf, und in diesem Schütteln zuckte etwas beinahe Lebendiges, ein alter, schlecht vernähter Schrecken.
»Manch ein Vater ergraut bei so einer Frage zwischen Suppe und Hauptgang. Die Tochter des zweiten Mannes der Stadt fragt vor dem Personal, ob ringsum alle nur aufgemalt sind. Wunderbar. Fehlte nur noch, das Fenster aufzureißen und es auf den Platz hinauszurufen, damit es auch ja jeder hört.«
»Und was hast du getan.«
»Aufgegessen.« Gleichmäßig. »Und danach dafür gesorgt, dass solche Fragen dich nicht mehr schneiden. Was die Spatzen einmal von den Dächern pfeifen, fängt keiner wieder ein, das weiß jeder.« Er hob die Augen zu ihr, und in ihnen war weder Triumph noch Wärme, nur nackte Genauigkeit. »Ich sage dir, was man nicht weiß. Das Wort selbst fängst du nicht. Aber den, in dem es gerade flügge wird – den kannst du fangen. Vorher. Ganz leise. Das ist, wie sich gezeigt hat, billiger und barmherziger zugleich. Andere Kinder mit solchen Fragen hat man übersehen – und dann geholt, ganz und für immer. Ich habe es vorgezogen, selbst zu übersehen. Nach und nach. Mit eigener Hand. Die eigene Hand – auch wenn sie schneidet, bleibt sie die eigene.«
»Und das nennst du – übersehen?«
»Dafür gibt es hundert Wörter, such dir eins aus.« Er trank. »Eile mit Weile. Wovor man davoneilt, fragt keiner – zu Unrecht. Vor dir selbst eilst du davon, Tochter. Vor der von gestern. Du weißt ja nicht mehr, wie weh dir dieses Lächeln auf der Straße getan hat. Genau darum geht es. Wer das Alte ruhen lässt, drückt ein Auge zu, sagt man; wer es vergisst, drückt beide zu – denn er steht auf dem Leeren und hält es für Stein. Du rührst nicht daran. Du stehst im Gleichgewicht.« Er breitete die Hände aus, die Handflächen nach oben – kein Zauberer am Ende seiner Nummer, sondern ein Mensch, der zeigt, dass bei ihm nichts zu holen ist, leer. »Dass du mir jetzt nicht glaubst – da hast du die ganze Bescheinigung, dass es gelungen ist. Täte es weh, würdest du mir glauben.«
Unten, weit unter dem Fenster, erlosch auf einen Schlag ein ganzes Viertel und flammte wieder auf – ein synchrones Flimmern über das Straßennetz, als hätte jemand mit der Stadt geblinzelt. Ein Aussetzer. In den letzten Wochen häuften sie sich. Die einen sagten: Kalibrierung. Die anderen: EINKLANG. Und dass die Stadt überhaupt angefangen hatte, Verschiedenes zu sagen, war für sich schon eine größere Neuigkeit als die Aussetzer: Noch vor einem Jahr hatte sie nicht gesprochen. Sie hatte zugestimmt.
»Es wird eine Übertragung vorbereitet«, sagte der Vater, und seine Stimme fiel in einen knappen Arbeitston, und sie war beinahe froh über den Wechsel – so ist man froh, wenn der Arzt die Freundlichkeit ablegt und zur Sache kommt. »Eine große. Wie es sie lange nicht gab. Live – keine Aufnahme, wohlgemerkt, darauf kommt es an: lebendig, vor aller Welt, auf einmal.« Etwas beinahe Jungenhaftes kam an ihm zum Vorschein, ein Spielfieber, jener seltene Funke, der im Vater nur vor einem gut ausgedachten Zug aufglomm; so mag ein Regisseur aufglühen, oder einer, der schreibt, vor der Szene, von der er schon weiß, dass sie den Saal zerreißen wird. »Ein Jahr Arbeit. Alles läuft auf einen Punkt zu, auf einen Abend, auf eine einzige Livesendung. Die Leute werden es lange nicht vergessen. Sehr lange.«
Er kostete es aus, ohne zu nennen, was genau, und es musste auch nicht genannt werden: Man sah, dass er nicht das Ziel bewunderte, sondern die Ausführung, die Reinheit des Entwurfs, die Art, wie stimmig sich Zug um Zug fügte.
Sie fragte nicht, wovon er sprach. Sie wusste, dass er nicht geradeheraus antworten würde – und dass eben in diesem Unausgesprochenen die Hälfte seines Vergnügens lag.
»Kronos will, dass du durch den Abend führst«, sagte der Vater und sah sie über die Tasse hinweg an. »Alle Hoffnung liegt auf dir, Tochter. Besser als du macht das niemand.« Er schwieg einen Moment. »Mir wäre lieber, du würdest ablehnen.«
Und beinahe hätte sie es bewundert – so stimmig war die Falle genäht. Dabei hatte sie nicht einmal erfahren, wodurch genau sie führen sollte: Der Vater hatte es nicht genannt, und zu fragen hätte bedeutet zu zeigen, dass es ihr nicht gleichgültig war. Aber sie kannte ihr Handwerk. Wusste, wie man eine solche Sendung vorbereitet, was sie sein würde, wozu man die ganze Stadt auf einen Punkt zusammenzieht, live, lebendig: So kündigt man kein Fest an. So führt man vor. Jemanden – allen, zur Mahnung. Und von dem stillen Entzücken, mit dem der Vater sein »lange nicht vergessen« im Mund hin und her rollte, lief ihr die Kälte einer Ahnung über den Rücken, die zu Ende zu denken sie sich nicht erlaubte.
Und die Falle bestand darin, dass es keinen Zug gab. Stimmst du zu – wirst du zur Hand, führst aus, wovon du selbst noch nichts weißt. Lehnst du ab – dann hast du also einen Grund, dann leistet also etwas in dir Widerstand, dann bist du also die, in der dieser Grund wohnt – und das ist schon ein Indiz. Er ließ keinen Zug übrig, der nicht zu seinem Gewinn ausgegangen wäre. Er ließ überhaupt keinen übrig – nicht einmal beim Damespiel, nicht einmal, als sie acht war und er sie gewinnen ließ, aber so gewinnen ließ, seine Niederlage mit solcher Meisterschaft auf den Zug genau abgemessen, dass sie danach die halbe Nacht nicht schlief vor Stolz auf einen Sieg, den er ihr zugeteilt hatte, wie man eine Ration zuteilt.
Und da tat sie etwas, das – so wollte sie glauben – nicht in ihrer Karte stand, weil es weder Aufstand war noch Gehorsam, nicht einmal eine Wahl zwischen beiden.
Sie stellte die Tasse ab. Ohne getrunken zu haben. Stellte sie genau in die Mitte des Tisches, genau zwischen ihn und sich. Und sagte nichts. Kein »Ja«. Kein »Nein«. Kein »Lass mich bis morgen nachdenken«. Stille. Eine glatte Stille ohne einen einzigen Haken, in die der Vater – sie sah, wie sich seine Augen ein wenig verengten, wie er zum ersten Mal an diesem Abend nach dem Ton in ihrer Stimme griff und keinen Ton fand, weil keine Stimme da war – nichts einzugeben vermochte. Er wartete. Warten konnte er; das Warten war sein zweiter Beruf, vielleicht auch sein erster.
Und – sie bemerkte es, und ihr Herz machte einen Satz – für die Stille fand er kein Sprichwort. Er ging die beiden durch, die es gibt – »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«, »Wer schweigt, stimmt zu« –, und verwarf beide: Sie trafen es nicht. Der Volksmund geizt mit Sprüchen über das Schweigen; das Schweigen mag er nicht, in ihm kann man sich hinter niemandem verstecken, es ist eines für alle und für jeden das eigene. Sie sah, wie er seinen Chor durchging und im Chor die nötige Stimme nicht fand, und das war an diesem Abend das Erste, was ihm nicht glatt gelang.
»Der Tee wird kalt«, sagte er schließlich. Ohne Sprichwort. Von sich aus. Und weil es von ihm selbst kam, zog sich in ihr mehr zusammen als bei allem, was vorher gesagt worden war.
»Wird er«, gab sie zurück. Und schwieg wieder.
Ob sie frei war – sie wusste es nicht. Und sie begriff in dieser Minute mit einer ruhigen, beinahe erleichternden Klarheit, dass sie es nie mehr erfahren würde: Dieses Wissen war ihr von der Bauart her nicht mitgegeben, so wie die Farbe einem Gerät nicht mitgegeben ist, das Farbe benennen, messen, zerlegen kann – und nicht sehen. Aber eines hatte sie bemerkt und hielt es nun unter den Rippen, wie man unter dem Tisch eine geballte Faust hält. Der Vater hatte sie ihr Leben lang gelesen – sie und durch ihren Mund die ganze Stadt. Die Stille aber hatte er nicht gelesen. Er nicht. Und der Chor hinter ihm auch nicht. Also gab es einen Spalt.
Ob es ihr Spalt war – oder noch einer, mit Absicht hineingeschnitten, damit sie glaubte, sie hätte ihn selbst gefunden –, wusste sie nach wie vor nicht. Aber zum ersten Mal in all den Jahren, an die sie sich überhaupt erinnerte – und sie erinnerte sich an sich selbst erst etwa vom sechsten Jahr an; weiter zurück, in die Tiefe, brach die Erinnerung glatt ab, wie abgeschnitten –, zum ersten Mal genügte es ihr, dass es den Spalt gab. Ohne Bescheinigung, von wessen Hand er geschnitten war.
Unten blinzelte wieder ein Viertel – länger, dunkler, als hielte die Stadt den Atem an. Und der Vater wandte sich, gegen alle seine Gewohnheiten, als Erster zum Fenster. Sah lange hinunter, auf das erlöschende und wieder auflebende Flimmern. Und ließ fallen – leise, nicht zu ihr, sondern zum Glas:
»Wasser findet seinen Weg.«
Ariadna fragte nicht, wovon er sprach. Vom Licht dort unten. Von der Stadt. Von ihr. Von dem, was sich jetzt ganz unten im Turm zusammenbraute, unter allen Stockwerken, in der eisernen Stille der Server, und was er, bei all seinem Gehör, noch nicht laut beim Namen nannte.
Kapitel 4. Eck 62
Und unten, wohin der Vater aus seinem Fenster sah, regnete es. Eben jener Regen – nicht genehmigt, ungerufen, der sich den ganzen Abend zusammengezogen hatte. Endlich ging er nieder, und nicht nach der Uhr, und die Stadt, an Regen nach Plan gewöhnt, wurde ratlos nass: Das Wasser lief über das Glas der Hängebrücken, rann von den Stegen, trommelte auf die Plane über der Rolltreppe, und die wenigen Passanten legten den Kopf in den Nacken – sei es, um nachzusehen, ob es ein Fehler war, sei es einfach, weil noch keine Sendung das nasse Gesicht abgeschafft hatte. Kee ging durch diesen Regen hinunter – von Rang zu Rang, immer tiefer, dorthin, wo die Stadt aufhörte, Schaufenster zu sein, und zur Kehrseite wurde. Oben, in den Wohnstockwerken, glänzte alles und hielt den Ton; doch je tiefer, desto schäbiger, desto lebendiger: Die Schilder »Harmonie-dies« und »Optimum-das« erloschen, das Licht der Kanäle wich trüben Lampen, die Rolltreppen liefen mühsam, rumpelnd, und es roch nicht mehr nach dem Ozon der Klimaanlagen, sondern nach Wasser und Rost. Die, die man hier »die Unteren« nannte, wohnten dicht über der Erde, und oben ließ man dieses Wort mit leichtem Ekel fallen; Kee aber stieg hierher hinab, wie man aus einem stickigen Zimmer ins Kühle taucht: Hier konnte man atmen. Und – es flackerte. Auf einen Schlag, im ganzen Straßennetz: Laternen, Bildschirme, das Licht der Kanäle erloschen für eine halbe Sekunde und gingen wieder an, ein Flimmern, als hätte die Stadt geblinzelt. Ein Aussetzer. In den letzten Wochen häuften sie sich; oben, in den Kabinetten, betrachtete man dasselbe Flimmern jetzt aus den Fenstern und nannte es bald Kalibrierung, bald SADI. Hier unten hob niemand auch nur den Kopf – es hatte eben geflackert, man war es gewohnt. Kee geriet für einen Augenblick aus dem Tritt, wartete die Dunkelheit ab, ging weiter. Bis zum Eck waren es noch zwei Biegungen. Das Eck 62 hatte immer geöffnet. Und es war das Einzige in der Stadt, von dem niemand sagen konnte, »seit wann«.
Alles andere hatte einen Anfang: EINKLANG hatte man dann und dann eingeschaltet, den Äther dann und dann in Betrieb genommen, die Einstimmung habe man zum Wohl aller eingeführt. Das Eck aber war einfach da – ein gedrungener Imbiss an der Ecke, an der zwei verwaiste Prachtstraßen zusammenliefen, mit einem Schild, das so lange nicht gewechselt worden war, dass niemand mehr wusste, ob es je geleuchtet hatte. Und es schloss nicht. Nie – nicht nachts, wenn man die Stadt EINKLANG überließ und alle im Einklang zu schlafen hatten, nicht gegen Morgen, nicht zu den Pflichtsendezeiten. In einer Stadt, in der alles sein Regime hatte, lief das Eck außerhalb des Regimes, rund um die Uhr, wie etwas läuft, das man auszuschalten vergessen hat. Und ein Jugendlicher konnte zu jeder Stunde herkommen und fand denselben Dampf, dasselbe Summen und wie immer irgendwen über einem Kegel. Die Zeit hatte über das Eck so wenig Macht wie über seinen Anfang. Man sagte: ein Lokal aus der Zeit vor der Ära. Der einzige Ort, der nachweislich aus der Zeit vor dem Konflikt stammte und den man nicht verbrannt, nicht optimiert, nicht in »Harmonie-irgendwas« umbenannt hatte, sondern einfach weiterlaufen ließ, als hätte man ihn vergessen. Wer es betrieb, wer es duldete, warum man es in Ruhe ließ – das wusste niemand. Und genau deshalb strömten hier alle zusammen.
Kee stieß die Tür auf, und Wärme schlug ihm ins Gesicht: Dampf, der Geruch von Gewürzen – verschiedenen, unbekannten, wie man sie in der Stadt nirgends roch, und keines davon ließ sich benennen –, das Summen lebendiger Stimmen, von keiner Sendung ausgeglichen. Hier roch es nach Essen, das gekocht wird und nicht aus der Wand ausgegeben.
»Du bist spät dran«, sagte Lok, ohne den Kopf vom Tisch zu heben, der mit Servietten übersät war, vollgeschrieben in seiner kleinen Schrift. »Ich hab ohne dich schon die dritte Theorie beerdigt.«
Lok saß an ihrem Platz, an der hinteren Wand, unter der Installation. Er gehörte zu denen, die Kee »Kopfmenschen« nannte: Sohn eines Funktionärs, aus einem guten Turm, mit sauberer Zustimmung und Zugang zu Orten, an die man Kee nicht ließ. Und trotzdem der Einzige von den »Oberen«, den Kee mochte. Lok begriff, dass die Welt absurd eingerichtet war. Begriff es klug, ausführlich, mit Zahlen. Er begriff es nur eben mit dem Kopf – wie man einen Lehrsatz begreift – und nicht mit der Stelle in der Brust, an der es bei Kee zog und die er nicht erklären konnte.
»Setz dich. Nimm, wird sonst kalt.« Lok schob ihm einen Kegel hin.
Die Kegel waren die Spezialität des Hauses, »Eckkegel«: ein dreieckiger Fladen, genau in jenem Winkel gedreht – zweiundsechzig Grad, Lok hatte es einmal mit dem Winkelmesser nachgemessen und war eine Woche lang glücklich gewesen –, oben offen und gefüllt mit etwas wie Creme oder Paste, dick und warm. Man aß sie ohne Eile, biss von oben ab. Man trank Brühe. Nur Brühe und pürierte Suppen, nichts Festes, an dem man hätte nagen müssen; Kee hatte einmal gedacht, dass sogar das Essen hier »gleichmäßig« war – flüssig, warm, eines, das keine Zähne braucht –, aber im Eck ärgerte ihn das aus irgendeinem Grund nicht, so wie es ihn oben ärgerte. Weil es Geschmack hatte. Verschiedenen, nicht den einen, immer gleichen warmen Beigeschmack nach nichts, der in der Stadt über jedem Essen lag, sooft man es auch wechselte. Hier streute man kein Optimum Plus. Hier schmeckte die Brühe nach Brühe, die grüne Suppe war bitter, und die scharfe brannte wirklich, und jedes Mal anders. Benennen ließen sich diese Gerichte nicht – sie hatten gar keine Namen, auf keiner Karte, nichts, was sich in Worten nacherzählen ließe; man konnte sie nur kosten und mit der Zunge erkennen. In einer Stadt, in der alles ein Etikett trug, stand hier etwas Namenloses und Lebendiges. Kee dachte manchmal, dass schon das allein – dass eine Suppe Geschmack hat – beinahe für ein Verbrechen reichte.
»Willst du Wasser?« Lok nickte zu einer Flasche hin, auf deren verblichenem Etikett »Gleichgewicht« stand. »Nur dass du’s weißt.« Er senkte die Stimme, rückte näher, seine Augen begannen zu glänzen. »Nach der einen Version kippt der Besitzer Gleichmut rein. Eine Mikrodosis. Damit hier alle so schön lieb dasitzen. Nach der anderen kippt er aus Prinzip nichts rein, und das Eck ist deshalb der einzige Ort in der Stadt, an dem du ehrliches Wasser trinkst.« Lok lehnte sich zurück, zufrieden. »Und jetzt kommt das Schöne: Nachprüfen kann man’s nicht. Erfährst du nie. Du trinkst und weißt nicht – wirst du gerade geführt oder endlich mal nicht.«
»Und was denkst du?«, fragte Kee und trank einen Schluck.
»Ich denke gar nicht«, sagte Lok vergnügt. »Ich sammle. Denken heißt ja schon, eine Seite zu wählen, und was einem dafür blüht, weißt du selbst. Ich sammle bloß Theorien. Über das Eck hab ich so an die vierzig. Dass es ein Bunker ist. Dass der Besitzer der letzte lebende Mensch von vor der Ära ist und zweihundert Jahre alt. Dass es von hier einen Gang in die alten Tunnel gibt. Dass EINKLANG selbst nichts von dem Ort weiß, dass er hier einen blinden Fleck hat.« Er klopfte auf die Servietten. »Blödsinn, klar. Alle Theorien sind Blödsinn. Aber ein schöner.«
Er sagte das leicht, mit einem kleinen Lachen, und Kee verstand, warum leicht: Schwer – das wäre schon nicht mehr im Einklang, das wäre ein gelbes Armband, das wären Fragen. Lok hielt das alles wie ein Spiel, wie eine Briefmarkensammlung, genau in der sicheren Tiefe, in der eine Liebhaberei noch nicht zum Widerspruch wird. Verschwörungstheorien, mit einem Lächeln erzählt, sind der stimmigste Aufstand, den es gibt. Ein Aufstand, bei dem nichts zu holen ist.
»Ach, übrigens.« Lok wurde lebhaft und angelte sich eine neue Serviette. »Ganz frisch. Mein Alter ist gestern heimgekommen und hat erzählt. Der geht ja zur Versammlung, den lassen sie rein.« Er sagte es mit dem besonderen halben Atemanhalten, mit dem ein Sohn dicht an der Tür einer fremden Welt Krümel aufschnappt: nicht zugelassen, aber nah dran, am Lauschen. »Mich lassen sie da natürlich nicht mal über die Schwelle, zu klein und ohne Rang. Aber manchmal verplappert sich mein Alter. Das ist da bei denen, bei den Oberen, so ein Treffen. Geschlossen. Alle paar irgendwas. Die verkaufen sich gegenseitig allerlei.«
»Was verkaufen sie?« Kee kaute und hörte mit halbem Ohr zu.
»Das ist ja gerade das Unklare, und das ist das Beste daran.« Lok senkte die Stimme, rückte näher, ganz in seinem Element. »Mein Alter hat’s selbst nicht richtig erklärt, mit Einzelheiten geizt er, da komm ich nicht nach ihm. Aber er sagt, da gibt es nicht nur Sachen. Da gibt es …« – er bewegte suchend die Finger – »… auch Gefühle, oder so. Von irgendwem. Aufgenommen. Stell dir das vor! Da sitzt ein Saal in Gold, und denen dreht man irgendjemandes, was weiß ich, Weinen an. Oder Lachen. Und die schlagen sich darum wie sonst was. Mein Alter sagt, für ein einziges Stück haben sie so viel hingelegt, dass es mir für drei Leben gereicht hätte.« Lok lehnte sich zurück und strahlte über die Wildheit der Geschichte. »Die haben sie doch nicht alle, oder? Denen geht’s zu gut. Die langweilen sich so, dass sie fremdes Innenleben kaufen. Satt sind sie, haben alles, und da …« Er tippte sich mit dem Finger an die Schläfe. »Theorie Nummer vierzig, kannst du mitzählen. Die kränkste: Je höher, desto leerer, und desto teurer ist ihnen das Echte von anderen.« Er lachte kurz auf. »Ist doch Blödsinn. Aber ein schöner.«
Kee zuckte mit den Schultern – die Reichen waren weit weg, er hatte seinen eigenen Schmerz, einen näheren. Aber etwas an Loks wildem Zeug – »fremdes Innenleben kaufen«, »je höher, desto leerer« – streifte für eine Sekunde den leisen Ton in seiner Brust, unverständlich, im Vorübergehen, und war vergessen.
Das Café ringsum lebte. Am Nachbartisch spielten drei Mädchen »Grenze«: Sie stichelten, stritten, lachten laut. Und schielten auf die Armbänder, bei wem die Zustimmung dem Gelb am nächsten kam. Wer es bis an die äußerste Kante trieb und nicht ins Gelbe kippte, hatte gewonnen, war die Mutige, die »fast verstimmt, aber gehalten«. Ein Spiel mit dem Feuer, eine Streichholzlänge lang. Eine, die Verwegenste, öffnete unter dem Kreischen der Freundinnen den Verschluss und nahm das Armband ganz ab – für zehn Sekunden, für fünfzehn, solange der Mut reichte –, das nackte Handgelenk, kein Ton, keine Aufsicht, verbotene Nacktheit; dann ließ sie es hastig wieder zuschnappen, denn ein abgelegtes Armband ist kein Spiel mehr, es ist ein Verstoß, wegen eines nackten Handgelenks kommen sie. Die Mädchen kreischten vor Entsetzen und Entzücken. An einem Tisch weiter hinten machten zwei Jungen unbeholfen Bekanntschaft mit zwei anderen, und ihr ganzer Flirt lief über die Armbänder: Sie stießen die Handgelenke aneinander, schoben Kontakte hinüber, Musik, eine kleine Zahlung für einen Kegel, »Ich lad dich ein«; das Armband war Geldbeutel, Verbindung und Leine, alles in einem, und sie flirteten über die Leine, ohne die Leine zu bemerken. Kee sah das alles an und liebte es – mit der wehmütigen Liebe, mit der man liebt, was einem, das spürt man, gleich genommen wird. Gewöhnliche. Lebendige. Sie spielen mit dem Rand und wissen nicht, dass der Rand echt ist.
Das Volk im Eck war gemischt, und auch darin lag seine Seltsamkeit. Am meisten Jugendliche – hier gaben sie sich ein wenig freier als sonst irgendwo, die Stimmen lauter, das Lachen böser, die Armbänder gelber, und niemand wies sie zurecht. Aber nicht nur. An der Theke hockte krumm ein alter Mann, wie es sie in der optimierten Stadt eigentlich gar nicht mehr gab – trank schweigend seine Brühe, eine Stunde, zwei. Hin und wieder verirrte sich ein Arbeiter von den unteren Ebenen herein und wärmte sich die Hände am Glas. Und manchmal – das war Kee längst aufgefallen – kamen auch welche von oben. Solche, denen man es ansieht: teurer Anzug, blitzsauberes Armband, die gerade Haltung eines Menschen aus den hohen Stockwerken. Sie kamen wie zufällig herein, seitwärts, das Gesicht verborgen, als wären sie aus Versehen abgebogen. Nahmen einen Kegel, tranken hastig ihre Brühe, in der Ecke, und verschwanden ebenso leise, und es war etwas Diebisches an ihnen, etwas Gieriges: Nicht zum Essen kamen sie her, sondern um einen Schluck von etwas zu ergattern, das oben, in ihrer gläsernen Sauberkeit, nirgends zu haben war. Kee wusste nicht, wovon. Er merkte sich nur: Es zieht sie hierher, nach unten, wie ihn. Und warum, hätten weder sie noch er sagen können.
Hinter der Theke kam ein Einziger mit allem zurecht – nicht mehr jung, unauffällig, eines jener Gesichter, die man nicht behält: Er wischte Gläser, schenkte Brühe aus, strich die dicke Creme auf die Fladen, drehte sie in ihrem Winkel zu Kegeln und schob sie über die Theke. Und alles schweigend, ohne die Freundlichkeit des Äthers, ohne »Schönen Tag im Einklang«. Niemand kannte seinen Namen, niemand wusste, woher er kam, ob er hier der Wirt war oder selbst nur ein Zugelaufener. Er gehörte einfach zum Eck, wie der Dampf und das Summen zum Eck gehörten – und war, so schien es, ebenso immer da gewesen. Kee nickte ihm zu, er nickte zurück. Darauf beruhte die ganze Bekanntschaft, seit Jahren.
Über dem Tisch, an dem er und Lok saßen, zog sich die Installation hin – staubige Glasplatten, Draht, noch etwas, niemand sah genauer hin. Aber wenn das Licht draußen schräg einfiel, in einem bestimmten Winkel – vielleicht in genau dem des Ecks –, begannen plötzlich Schatten über die Wand zu wandern. Silhouetten. Sie bewegten sich, flossen ineinander, als lebte dort, im staubigen Glas, jemand und ginge umher. Die Jugendlichen hatten sich längst daran gewöhnt und hoben nicht mehr den Blick. Kee aber hob ihn – und der leise Ton in seiner Brust, der links, antwortete, kurz, unverständlich, wie er auf Wahrheit antwortete. Er wusste nicht, was das war und wozu. Niemand wusste es. Die Schatten wanderten über die Wand und erloschen, wenn die Sonne weiterrückte, und dann war es wieder bloß ein staubiges Stück Metall.
Und nicht weit von ihrem Tisch, unter einer gläsernen Kuppel, stand er – der Gegenstand, den Kee immer länger ansah, als gut war. Die Jugendlichen nannten ihn »den Antiken« – weil er für sie eben antik war, uralt, unverständlich: eine schwarze Scheibe auf einem schwarzen Kasten, ein dünner, gebogener Arm mit einer Nadel am Ende, alles unter staubigem Glas, wie eine Reliquie, wie ein Knochen im Museum. Niemand wusste, was das war. Das heißt, das Wort kannte man – »Plattenspieler« –, aber nicht das Wozu: dass die Scheibe sich drehen muss, dass die Nadel sie berühren muss, dass daraus ein Klang entstand, lebendig, warm, knisternd, von nichts ausgeglichen. Er stand unter der Kuppel und schwieg. Schwieg vielleicht seit hundert Jahren. Eine Maschine, geschaffen, um zu klingen, die das Klingen verlernt hatte, vergessen unter Glas in der Ecke, und ein ganzer Saal von Jugendlichen aß seine Kegel an ihr vorbei, ohne zu wissen, dass dieses tote Ding einmal genau das getan hatte, was ihnen allen fehlte und was sie nicht zu benennen wussten.
Er und Lok aßen – mal schweigend, mal mit ein paar hingeworfenen Sätzen über dies und das, über nichts; der Abend floss, das Summen ringsum floss, die Brühe wärmte die Hände. Und dann, in einer Pause, stand Kee auf – ohne zu wissen, warum, so wie er immer aufstand –, ging zu der gläsernen Kuppel und blieb reglos davor stehen.
Kee sah den schweigenden Plattenspieler an, und der Kammerton in ihm zog. Leise. Bei diesem ganzen Imbiss, in dem das Lebendige sich als gewöhnlich ausgab, in dem das Echte unter Glas stand, vergessen, in dem Kinder mit dem Rand spielten, ohne den Rand zu kennen.
An der Seite des Kastens, unter dem staubigen Glas, hatte einmal ein Name gestanden – der Name dessen, der das gemacht hatte. Jetzt waren davon Kratzer geblieben: Jemand hatte die Buchstaben abgeschabt, vor langer Zeit, gründlich, und nur den Schatten der Prägung gelassen, das Gespenst eines Wortes. Kee kniff die Augen zusammen. Ein Teil der Buchstaben ließ sich noch erraten, wenn man den Blick im richtigen Winkel führte – ein Bruchstück, der Anfang, es fing mit V an, irgendetwas mit Stimme; das Weitere war auf null gelöscht. Als hätte man den Namen mit Absicht gelöscht – nicht die Zeit, sondern eine Hand, so wie man löscht, was nicht bleiben soll. Kee wusste selbst nicht, warum ihn das tiefer kratzte als der schweigende Plattenspieler selbst. Es zog nur ein wenig lauter, wenn er auf die gelöschte Stelle sah. Als verberge sich dort, unter den Kratzern, etwas.
»Du hängst schon wieder fest«, sagte Lok. »An deinem Leierkasten. Pass auf, es gibt eine Theorie, dass er nachts spielt, wenn keiner da ist. Von selbst.« Er prustete. »Blödsinn, logisch. Aber doch ein schöner, oder? Übrigens weiß keiner, wer ihn gebaut hat. Den Namen hat irgendwer gelöscht. Noch eine Theorie: gelöscht, damit keiner rauskriegt, wer so einen Klang machen konnte.« Lok tippte sich an die Schläfe. »Ich hab vierzig davon, hab ich ja gesagt.«
»Ein schöner«, sagte Kee, ohne den Blick von der gelöschten Stelle zu nehmen. Er trank das Gleichgewicht aus, ohne erfahren zu haben, ob er gerade geführt worden war oder nicht. Stand auf.
»Ich geh zu Lila«, sagte er.
Lok verzog das Gesicht – ohne Bosheit, aus Gewohnheit:
»Zu deiner verstimmten Malerin. Mit der spielst du dich noch um Kopf und Kragen, Kee.« Er sagte es leicht, wie alles, aber in seinen Augen blitzte eine echte Sorge auf, eine aus dem Kopf – die, mit der er begriff, ohne zu fühlen. »Die läuft doch richtig am Rand entlang. Nicht an unserem, dem zum Spielen. Am echten.«
»Ich weiß«, sagte Kee.
»Na, dann geh.« Lok faltete schon eine neue Serviette auseinander. »Wenn was ist – ich bin hier. Ich bin immer hier.« Und ohne den Kopf zu heben, leiser, fast ernst, das eine Mal an diesem Abend nicht im Spiel: »Gib acht auf sie. Solche werden nicht mehr gemacht. Wie mein Leierkasten.«
Kee nickte und ging zur Tür. An der Schwelle drehte er sich um: Lok war über seinen Servietten sitzen geblieben, allein, unter dem schweigenden Leierkasten, und hatte es nicht eilig – er wollte es auch gar nicht eilig haben. Kee wusste, warum. Lok hatte es nach Hause weiter und schwerer als sonst jemand hier: nicht nach unten wie die anderen, sondern nach oben – in den einundachtzigsten, in einen guten, hohen Turm mit sauberem Armband und sauberen Fluren. Und je höher man steigt, desto länger zieht sich der Weg und desto weniger möchte man ihn antreten. Die Unteren würden in einer halben Stunde alle auf ihren Stockwerken sein. Lok aber würde lange nach oben fahren, Aufzug um Aufzug, immer höher, in sein korrektes Leben, und manchmal schien es Kee, dass Lok deshalb bis zuletzt im Eck saß, bis zum Morgen, weil es ihm unten leichter war als zu Hause – nur hätte er das, anders als die diebischen Leute aus der Elite, um nichts in der Welt zugegeben, sondern einen Witz daraus gemacht und Theorie Nummer einundvierzig.
Kee stieß die Tür auf, und der Regen nahm ihn wieder auf.
Er ging zu Lila durch die nasse, flackernde, zur Nacht hin ausgedünnte Stadt, und je näher er kam, desto lauter klang es in seiner Brust. Denn dorthin, zu ihr, ging er auf dem einzigen Weg des ganzen Tages, auf dem er sich nicht verbergen musste. Der Regen ließ nach. Vorn, unter der Hochstraße, glomm schon ein Licht.
Lila zeichnete an einer Wand, an der man durfte – und das war das Erste, was Kee an ihr geliebt und was er zu spät begriffen hatte: Sie ging immer ganz dicht an das Erlaubte heran, um das Verbotene zu zeichnen.
Die Wand war genehmigt, unter der Hochstraße, eine von denen, die man dem »freien Ausdruck in Zustimmung« zugewiesen hatte; auf ihr hatte man Gebilligtes zu zeichnen – weiche Muster, grüne Spiralen. Lila führte die Kohle über das Gebilligte, und unter den Spiralen trat ein Zeichen hervor – ein Häkchen über dem Ring der Zustimmung, das ihn mit spitzem Stachel durchstößt. Sie zeichnete, ohne sich zu verstecken, im Licht der einzigen Laterne, die noch lebte, und ihre Finger waren schwarz bis zum zweiten Gelenk. Die roten Locken hatte sie hastig zusammengenommen, irgendwie, ein paar Strähnen hatten sich gelöst; im blassen Gesicht ein Gesprenkel von Sommersprossen, und die Augen grün, schnell, Augen, in denen immerzu etwas lebte und stritt. Kee trat aus dem Dunkel, sah zuerst diese schwarzen Finger, dann sie ganz, und der Kammerton in ihm – der den ganzen Abend im Eck bei dem schweigenden Leierkasten gezogen hatte – hörte auf zu ziehen und begann zu klingen.
»Ach, du bist’s«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, und ihre Stimme wurde wärmer.
»Gut, dass du da bist. Setz dich, guck mir nicht über die Schulter.«
Er setzte sich auf den Betonsockel und nickte zu ihrer Hand hin – zu dem schwarzen Stückchen zwischen ihren Fingern, das sie über die Wand führte.
»Womit zeichnest du eigentlich?« Kee verstand es wirklich nicht. Weiter oben in der Stadt zeichnete niemand etwas mit der Hand: Will man ein Bild, fließt es von selbst, über die Wand, über den Bildschirm, fertig. Dieser schwarze Brocken aber hinterließ eine echte Spur, grob, lebendig, und machte die Finger schmutzig, und Kee hatte noch nie gesehen, dass man mit so etwas einen Strich ziehen konnte. »Woher hast du das?«
Lila grinste, ohne von der Wand aufzusehen.
»Kohle«, sagte sie. Und fügte nach einer Pause leiser hinzu, rätselhaft, als probierte sie aus, ob er es verstehen würde: »Es gibt Orte, an die die Stadt nicht herangekommen ist. Wo noch übrig ist, womit man eine Spur hinterlassen kann. Man muss wissen, wie man da runterkommt.« Sie zog noch eine schwarze Linie. »Findest du’s eines Tages – dann verstehst du.«
Sie zeichnete den Stachel zu Ende und trat zurück.
»Warum Kammerton?«, fragte Kee und nickte zur Wand hin. Das Wort trug er schon lange in sich – so nannte er das, was links in seiner Brust zog und klang –, aber was es bedeutete, hatte er kein einziges Mal gefragt. »Was ist das überhaupt – ein Kammerton?«
»Dieses Zeichen ist der Kammerton«, sagte sie, den Blick auf der Zeichnung. »Einen anderen hat keiner gesehen. Mein Vater hat gesagt: Ein Kammerton ist ein Kompass. Wenn alles lügt, wenn sogar dein eigener Schädel lügt, weil sie ihn eingestimmt haben – dann gibt es eine Stelle, an die sie nicht herankommen. An alles kommen sie heran – an die Erinnerung, ans Gesicht, an die Stimme. Da nicht.« Sie drückte den schwarzen Finger links an ihre Brust, aufs Herz, hielt ihn dort. »Hier kommen die nicht rein. Hier ist es still, und in dieser Stille hört man, was wahr ist.« Sie beugte sich herüber und drückte denselben Finger an Kees Brust, und ein schwarzer Punkt blieb zurück.
»Bei dir ist es hier laut. Du bist wie eine offene Saite, man braucht dich nur anzureißen – schon summst du.«
»Wo ist er jetzt«, fragte Kee. »Dein Vater.«
Lila zuckte mit den Schultern, und die Schulter zuckte schärfer, als es für ein »Weiß nicht« nötig war.
»Wo alle sind. In die Zustimmung gegangen.« Sie holte Ohrhörer heraus, zwei, an einem Kabel, und steckte sie in genau den schwarzen Tonträger, den Kee diesen ganzen Tag bei sich getragen hatte, durch die ganze Stadt, in der Tasche. Einen Ohrhörer steckte sie sich selbst ins Ohr, den anderen hielt sie ihm hin. »Da. Aber leise. Ist ja verboten.« Und sie grinste darüber, wie das klang – »verboten« –, als wäre das Wort selbst komisch.
Musik schlug ihm ins Ohr – nicht aus dem Äther, nicht ausgeglichen; eine Gitarre, böse, zerrissen, eine Stimme, die schief lag, schöner als alles Gleichmäßige, das Kee je gehört hatte. Eben jene, die lebendige. Bei ihr konnte man unmöglich im Einklang sein. Sie saßen Schulter an Schulter, teilten sich eine Saite, und Kee wahrte zum ersten Mal an diesem Abend – in all den Tagen – nicht das Gesicht, weil neben ihm ein Mensch war, bei dem man das Gesicht abnehmen kann.
»Hörst du?«, sagte Lila leise. »Genau das haben sie sich geholt. Nicht mal die Freiheit. Das hier. Damit keiner mehr summt. Die Ausgeglichenen summen nicht.« Sie wandte sich ihm zu, und in ihren grünen Augen brannte das lebendige, trotzige Licht, das sonst niemand in der Stadt hatte. »Ich hör nicht auf, Kee. Sollen sie mich doch holen. Lieber einmal klingen als ein Leben lang im Einklang schweigen.«
Kee wollte sagen – das ist dumm, genau so holen sie dich, leiser muss man sein, wie alle –, und sagte es nicht, weil das die Rede seines Vaters gewesen wäre und er gerade deshalb hier saß, um nicht der Vater zu sein.
Die Laterne über ihnen flackerte.
Sie flackerte bloß – erlosch für eine halbe Sekunde und ging wieder an, so wie an diesem Abend alles in der Stadt flackerte, ein Flimmern. Kee hätte es gar nicht bemerkt. Aber die Zustimmung an seinem Arm zuckte in derselben Sekunde, das Grün riss ab ins Scharlachrote. Und im Dunkel über der Hochstraße erwachte ein kalter blauer Punkt. Ein zweiter. Drohnen. Sie sanken lautlos herab, unter ihnen ergoss sich gleichmäßiges weißes Licht, legte sich auf die Wand, auf den hervorgetretenen Kammerton, und eine ruhige Frauenstimme – dieselbe wie im Armband, in der Werbung, überall – sagte ohne Ausdruck:
»Nicht genehmigter Ausdruck. Exemplar verstimmt. Stufe: Rot. Bleiben Sie an Ihrem Platz. Es ist zu Ihrem Besten.«
»Lauf«, sagte Lila. Nicht zu sich. Zu ihm. Sie war schon aufgestanden, ruhig, als hätte sie seit Jahren darauf gewartet. »Dich dürfen sie nicht sehen. Du bist laut. Dich reparieren sie nicht – dich löschen sie. Lauf, du Dummkopf.«
Die Wärter traten aus dem Licht – zwei, in weichem Grau, ohne Waffen, weil Waffen beunruhigen; sie gingen auf Lila zu wie auf ein Kind auf einem Fenstersims, die Hände ausgestreckt, mit den Gesichtern der Fürsorge. »Wehr dich nicht«, sagte der eine warm. »Dir wird geholfen. Es wird dir gut gehen.« Kee stürzte los, und der zweite fing ihn ab, quer um den Leib, ohne Bosheit, weich und furchtbar stark, und hielt ihn, wie man keinen Feind hält, sondern Eigentum.
Und Lila, die man unter den Armen fasste, die man schon in das weiße Licht führte, tat das Einzige, was sie konnte, und nicht aus Furcht, sondern zum Trotz: Sie begann zu singen. Mit ihrer eigenen Stimme. Lebendig, schief, neben dem Ton, mit eben jener Stimme, mit der einst Kees Mutter gesungen hatte, bevor man sie aufgeräumt hatte – sie sang das böse Lied aus dem Ohrhörer, aus voller Kehle, dem gleichmäßigen weißen Licht ins Gesicht, und ihr Kammerton – Kee hörte es mit seinem ganzen Wesen – klang durch den Schrei hindurch so, dass es in seiner eigenen Brust antwortete, bis es wehtat. Der Wärter verzog das Gesicht – nicht wegen der Lautstärke, sondern als streifte der Klang etwas, das es nicht geben dürfte. Die Stimme aus dem Nirgendwo wiederholte härter: »Stufe Rot. Rückfall unterdrücken.« Etwas pfiff kurz, das Lied brach mitten im Ton ab, Lila sackte zusammen, man trug sie fort, das weiße Licht erlosch, die Drohnen stiegen nach oben. Es wurde dunkel und still. Und nur die Laterne brannte gleichmäßig, als wäre nichts gewesen.
In ihrem Licht kniete Kee auf dem Beton. Er erinnerte sich nicht, wie der Wärter ihn losgelassen hatte, wie er aufgestanden war, wie er sich dann durch die ganze nächtliche Stadt nach Hause geschleppt hatte, ohne auf den Weg zu achten. Der eine Ohrhörer war in seinem Ohr geblieben, und aus ihm kam noch immer ihre Musik – dieselbe, die lebendige, zerrissene –, spielte, als wäre nichts gewesen, jetzt für ihn allein, und davon war es, als wäre Lila noch neben ihm, als klänge sie noch, obwohl man sie schon irgendwohin trug, im weißen Licht. Er ging und hörte und sah fast nichts um sich. In der Hand hielt er, was geblieben war: ihre zerbrochene Zustimmung, die sie abgerissen und ihm vor die Füße geworfen hatte, einen Augenblick vor dem Lied – ein Armband mit gesprungenem grünem Auge, tot. Und den schwarzen Tonträger, aus dem für ihr Ohr nichts mehr klingen würde, und für ihn klang es. An der Wand unter der Hochstraße dunkelte der unvollendete Kammerton, der ein ebenso totes grünes Auge durchstößt. Das Lied. Der Kohlepunkt auf der Jacke. Das tote Armband in den Händen. Er weinte nicht. Der Kammerton in ihm weinte nicht – er dröhnte, tief, furchtbar, auf einem einzigen Ton, wie eine angerissene Saite, die niemand dämpft. Wie er nach Hause gekommen war, wie er hinaufgestiegen war, wie er die Tür geöffnet hatte – Kee wusste es nicht mehr; er kam erst in seinem Zimmer zu sich, im Dunkeln, mitten im Raum stehend, ohne zu wissen, wie lange er schon so stand. Der Ohrhörer steckte noch im Ohr, und die Musik lief noch, leiser, im letzten Atemzug des Tonträgers. In der einen Hand hielt er ihre tote Zustimmung umklammert, mit dem gesprungenen grünen Auge, in der anderen den schwarzen Tonträger, warm von seiner eigenen Handfläche. Er machte kein Licht. Er tat gar nichts. Für nichts war Kraft da – nicht für Gedanken, nicht für Tränen; alles in ihm war ausgebrannt und hatte nur das Dröhnen zurückgelassen.
Und zur selben Stunde, am anderen Ende der Stadt, im Eck, das nie schloss, brach gegen Morgen der Letzte auf – Lok. Er allein war länger geblieben als alle, wie er immer länger blieb, und im Gehen sah er zu dem Plattenspieler hinüber, der unter seiner gläsernen Kuppel schwieg – zu seinem Leierkasten, den niemand in Gang zu setzen wusste –, sah hin, wie er immer hinsah, und wusste nichts von dieser Nacht, nichts von Lila, nichts davon, dass sein Freund sich gerade leer und betäubt nach Hause schleppte. Er sah einfach hin und blieb, ohne zu wissen, warum, noch eine Sekunde stehen – als hätte er in dieser Stille beinahe etwas gehört. Dann schüttelte er den Kopf, schob die Hände in die Taschen und ging nach Hause, nach oben, seinen langen Weg. Und Kee fiel aufs Bett, wie er war, in der Jacke, in den Schuhen, ihre Sachen in den Fäusten, das Gesicht im Kissen. Irgendwo in der Brust, links, dröhnte und dröhnte die angerissene Saite, tief, auf einem einzigen Ton, und unter diesem Dröhnen, das ihn keine Sekunde losließ, stürzte Kee endlich ab – nicht in den Schlaf, sondern in eine dunkle Grube ohne Träume, in die man fällt, wenn man nicht mehr kann.
Kapitel 5. Stille 1.01 alpha
Kee wachte davon auf, dass in seiner Faust etwas Hartes lag.
Er begriff nicht gleich, wo er war und warum er angezogen dalag, in der Jacke, auf der Decke. Das warme Morgenlicht stand gleichmäßig im Zimmer, wie immer. Leise summte der Lüfter und ließ die sorgfältig berechnete Luft des neuen Tages herein – die Stadt lief an, wie ein gut abgestimmter Mechanismus anläuft, lautlos und genau. Die Wand sendete leise: Eine Stimme versprach Aufklarung bis zum Mittag, warnte sanft vor planmäßigen Wartungsarbeiten auf den unteren Ebenen – »Kurzzeitige Aussetzer sind möglich, bewahren Sie Ruhe, alles ist unter Kontrolle« – und ging zu etwas anderem über, Gleichmäßigem, Unwichtigem. Alles war wie immer. Und von diesem »wie immer« wurde es für eine Sekunde fast gut, leer, als wäre nichts gewesen. Dann öffnete er die Faust und sah, was darin lag – ihre zerbrochene Zustimmung, das gesprungene, einst grüne Auge, tot –, und alles Gestrige stürzte auf einmal auf ihn herab, ganz, wie Wasser herabstürzt, wenn man den Stöpsel zieht.
Das kalte Licht der Scheinwerfer von der Drohne. Das Lied, mitten im Ton abgebrochen. »Lauf, du Dummkopf.« Man trägt sie fort, zusammengesackt, und das Licht erlischt. Kee lag da und wartete es ab, wie man einen Anfall abwartet. Und als es so weit abgeflossen war, dass er atmen konnte, blieb – gleich nach dem Schmerz – ein glitschiger, beinahe rettender Gedanke: War es überhaupt geschehen? Vielleicht nicht. Vielleicht hatte er es geträumt. Er wollte so sehr, dass es nicht geschehen war, dass er für eine Sekunde beinahe glaubte: nicht geschehen.
In seiner Faust lag ein totes Armband. Also doch.
Und noch etwas. Das Armband war tot – gesprungen, erloschen, so eines rührt sich nicht mehr; aber während Kee es ansah, zuckte es plötzlich und flackerte. Schwach, mühsam, wie mit letzter Kraft. Drei kurze Blitze hintereinander. Dann drei längere. Dann wieder drei kurze – und es erlosch und war wieder nur ein totes, dunkles Ding. Kee blinzelte ungläubig. Wartete. Das Armband schwieg. Er hatte es sich wohl eingebildet. In dem kaputten Ding war etwas kurzgeschlossen, hatte gezuckt und war still geworden – was sonst. Er schloss die Faust darum.
Er stand auf. Wusch sich. Und das bemerkte er, als er sich das Gesicht abtrocknete: Die Zustimmung an seinem eigenen Handgelenk leuchtete gleichmäßig, ruhig grün. Einfach grün. Kee erstarrte und sah sie an. Bei ihm hatte das Ding sich noch nie so gehalten – das Armband zuckte ewig, trieb ins Gelbe, ins Orange, führte sein eigenes nervöses Leben und stimmte weder mit ihm überein noch mit den Regeln; der Vater brummte seit Langem, man müsse es einmal überprüfen lassen, so ein Ton passe in keine Norm. Und heute – gleichmäßig, sauber, grün, wie bei allen. Als hätte es jemand über Nacht in Einklang gebracht. Kee schüttelte den Arm, als könnte das etwas ändern. Das Grün hielt. Seltsam. Aber darüber nachzudenken fehlte ihm die Kraft, und er ging frühstücken.
Am Tisch war es wie immer. Der Vater kaute und überflog die Projektion. Die Mutter hatte aufgewärmt. El zählte die Gabeln. An der Wand lief der Morgenäther – leicht, glatt, etwas für den Appetit.
»… und nun zu den Nachrichten aus der Stadt«, sagte die Wand mit angenehmer Stimme. »Gestern wurde im unteren Sektor von den Kräften zur Wahrung der Zustimmung ein Vorfall unterbunden: In Gewahrsam genommen wurde eine Minderjährige, die sich im öffentlichen Raum einen nicht genehmigten Ausdruck erlaubt hatte. Niemand kam zu Schaden. Das Umfeld ist wiederhergestellt. Wir danken den Wärtern für ihr rasches Handeln.«
Und – Bilder. Kurze, glatte: die vertraute Wand unter der Hochstraße, der unvollendete Kammerton, die Wärter, das weiße Licht. Lila wird aus dem Bild geführt.
Kee hörte auf zu atmen. Denn er sah diese Bilder an – und sah die Wand, sah die Wärter, sah Lila. Sich selbst aber sah er nicht. Er war nicht da. Er hatte in dieser Szene gestanden, zwei Schritte entfernt, man hatte ihn an den Schultern gehalten. Im Bild aber fehlte er, als hätte man ihn herausgeschnitten, als hätte er dort nie gestanden. Die Kamera war über die Stelle gegangen, an der er gewesen war, und er war nicht da. Ein Frösteln lief ihm über den Rücken, und gleich danach – derselbe glitschige Gedanke, an diesem Morgen schon vertraut: Vielleicht war es wirklich nicht geschehen? Vielleicht war er gar nicht dort gewesen? Er kniff die Augen zu. Öffnete sie. Die Bilder hatten schon gewechselt.
»Eine Schande«, sagte der Vater zur Projektion, ohne aufzusehen. »So weit hat man das Kind kommen lassen. Die Eltern haben es übersehen.«
Kee hörte, wie es aus ihm selbst herauswollte – leise, ehe er es halten konnte:
»Ihr Vater ist doch selber …«
Er wollte sagen: in die Zustimmung gegangen, einer von denen, die man »abgeführt« hat, wie Kee es vor langer Zeit mit halbem Ohr gehört hatte, geflüstert; er wollte es und brach mitten im Wort ab, selbst erschrocken, wohin es ihn trug. Er duckte sich: gleich. Gleich zuckt das Armband, die Mutter erschrickt, der Vater runzelt die Stirn. Aber nichts zuckte. Das Armband an seinem Arm blieb gleichmäßig grün, als hätte Kee »Reich mir das Salz« gesagt. Niemand hob auch nur den Kopf. Die Worte fielen in die Stille und verschwanden, als hätte es sie nicht gegeben – und als gäbe es auch ihn selbst hier, wie in jenen Bildern, nur zum Teil.
Die Wand aber hatte schon in einen munteren Ton gewechselt, und die Werbung floss heran – weiche Gesichter, warmes Licht:
»Angst ist ansteckend. Warten Sie nicht auf den Zusammenbruch eines Nächsten. Melden Sie Ihre Lieben zur Einstimmung an – bevor sie sich selbst anmelden. Fürsorge beginnt zu Hause.«
El sprach es der Wand nach, ohne von den Gabeln aufzusehen, im Singsang:
»Für-sor-ge be-ginnt zu Hau-se.«
Und da wurde der Vater lebhaft. Aber nicht wegen der Werbung und nicht wegen Kees Worten – er hatte, wie sich zeigte, die ganze Zeit aus dem Augenwinkel das Handgelenk seines Sohnes im Blick behalten, wie er es seit Jahren im Blick behielt, mit stillem Verdruss, in Erwartung des gewohnten gelben Fehlers. Und sah Grün. Gleichmäßiges, sauberes Grün, das hielt.
»Kee.« Der Vater sah ihn zum ersten Mal an diesem Morgen direkt an, und in seinen Augen war etwas beinahe Gerührtes. »Dein Ton hat sich ja gefangen. Sieh mal an. Gleichmäßig.« Er legte die Gabel weg. »Und ich dachte schon, ich muss dich zur Überprüfung anmelden.« Er schwieg einen Moment und sagte dann, wärmer als sonst, mit jener seltenen Stimme, mit der er von der Insel erzählte: »Danke dir. Ich seh doch, du hast dich reingehängt. Für uns. Für die Reise. Alle vier im grünen Bereich – dann tragen sie uns ein, das sag ich dir. Gut gemacht, Sohn. Endlich hast du begriffen, wie es läuft.«
Kee sah den Vater an, sein dankbares, jünger gewordenes Gesicht, und wusste nicht, was er sagen sollte. Der Vater freute sich. Aufrichtig, heftig – darüber, dass sein Sohn endlich »wie alle« war. Kee aber hatte nichts getan. Er hatte keinen Ton in Ordnung gebracht. Er verstand überhaupt nicht, warum es grün war. Und bei diesem Dank des Vaters für etwas, das er nicht getan hatte, wurde ihm ganz elend, trüb, wie von einer Lüge, die man nicht selbst gesagt hat, sondern die sich von selbst gesagt hat.
»Ja«, brachte er heraus. »Begriffen.«
Und den ganzen Tag ging dieser Gedanke hinter ihm her: Und wenn es stimmt? Wenn er wirklich geworden ist wie alle, sich gefangen hat, ohne es selbst zu merken – ausgeglichen geworden ist, tot, grün, und bald Gabeln zählen und der Wand nachsprechen wird? Warum grün? Warum aus dem Bild gestrichen? Was geschieht mit ihm?
Er ging aus dem Haus, um nicht zu denken – und dachte im Gehen. Die Stadt lebte ihr gleichmäßiges Morgenleben, und Kee ging hindurch und sah zum ersten Mal nicht die Stadt an, sondern die Menschen darin. Früher hatte er nie genau hingesehen. Jetzt sah er hin – und sah: Alle ausgeglichen. Nicht traurig, nicht fröhlich – ausgeglichen. Im Boot gegenüber fuhr eine Frau mit einem Kind, und das Kind schwieg, und die Frau schwieg, und beide sahen geradeaus, mit dem gleichen ruhigen Niemandsgesicht. Auf dem Platz sprachen zwei miteinander – und stritten nicht, lachten nicht, tauschten bloß Worte aus, wie man Gegenstände weiterreicht. Ein alter Mann fütterte am Kanal die Fische, und sogar auf seinem Gesicht lag dasselbe ausgeglichene Nichts. Alle grün. Alle im Einklang. Und Kee ging zwischen ihnen mit seinem unbegreiflichen grünen Licht am Arm und dachte: So, jetzt bin ich auch so einer. Von außen – genau so. Grün, ausgeglichen, wie sie. Und bei diesem Gedanken fuhr ihm die Kälte schärfer durch den Leib als von allen Scheinwerfern der letzten Nacht.
Und über dem Platz, auf dem großen Bildschirm, lief noch immer dieselbe Werbung – weiche Gesichter, warmes Licht –, und die Stimme wiederholte noch einmal, für alle, zärtlich, das von der Fürsorge, die zu Hause beginnt.
Er dachte an den Tonträger. Der lag zu Hause in der Schublade, unter den Sachen – ihr Tonträger, mit ihrer Musik. Und je länger Kee an ihn dachte, desto mehr nagte eines an ihm: Ist da wirklich nur Musik? Ein Tonträger, das sind ja nicht bloß Lieder, das ist ein Ding, in dem man etwas verstecken, unterschreiben, hinterlassen kann. Was, wenn dort, hinter der Musik, noch etwas ist – von ihr, für ihn, mit Absicht? Der Gedanke setzte sich fest und ließ nicht los. Aber nachprüfen konnte er es nicht: Hören – das ging, mit Ohrhörern, so wie er und Lila gehört hatten, direkt in den Tonträger gesteckt; aber ihn an einen Bildschirm anschließen, um hineinzusehen, zu öffnen, nachzuschauen, was da außer Musik noch ist – das gelang nicht: Der Tonträger hatte einen alten, ihm unbekannten Anschluss, an den bei Kee nichts passte. Er drehte den Gedanken hin und her – und wusste nicht weiter.
Mit Lok traf er sich am Tag darauf, auf dem Fünfzigsten, wo die schönsten Kanäle sind und ein weiter Platz mit Park – dort trafen sie sich oft, auf halbem Weg zwischen seinem Unten und Loks Oben. Sie saßen am Wasser. Kee sah sich um und holte den Tonträger hervor – zeigte ihn, ohne ihn aus der Hand zu geben.
»Pass auf. Der Anschluss hier … der ist irgendwie alt. Ich muss das an einen Bildschirm hängen und hab nichts dafür. Weißt du, womit man so was anschließt?«
Lok nahm ihn, drehte ihn, hielt ihn dicht vor die Augen, wurde ernst – über Technik wurde er immer ernst, es war das Einzige, worüber er keine Witze machte.
»Oh. Das ist uralt. Da brauchst du einen Adapter, für den alten Anschluss.« Er kratzte sich an der Nase. »Pass auf, bei uns zu Hause fliegt so einer rum. Mein Alter hat den mal angeschleppt, von irgendeinem alten Kram, und ist nie dazu gekommen, ihn wegzuschmeißen. Liegt in der Schublade wie Müll, keiner weiß, was das ist. Ich schon – ich weiß alles.« Er gab den Tonträger zurück. »Bring ich mit. Morgen, selbe Stelle.«
Die Nacht verging. Kee lag da, hielt Lilas totes Armband in der einen Hand, sah in das grüne Licht seiner eigenen Zustimmung, gleichmäßig, fremd, und verstand weder sich noch das Licht. Und Lilas Armband in seiner Hand – wieder. Es zuckte im Dunkeln, flackerte. Drei kurze. Drei lange. Drei kurze. Und Finsternis. Kee richtete sich auf, sah genau hin. Wartete. Nach einer Weile – wieder, dasselbe Muster, genau dasselbe: kurz-kurz-kurz, lang-lang-lang, kurz-kurz-kurz. Kein zufälliger Fehler – eine Wiederholung. Zu gleichmäßig, zu gleich, um ein Defekt zu sein. Das war ein Muster. Eine Zeichnung. Jemand hatte diese Blitze mit Absicht in eine Ordnung gebracht und im Kreis laufen lassen – also bedeutete es etwas, also war es ein Code, eine Botschaft, in Licht gepresst, die jemand sandte, hartnäckig, wieder und wieder, aus dem toten Ding in seiner Hand. Kee sah auf die wiederkehrenden Blitze, und unter den Rippen, links, dröhnte es stärker. Er konnte es nicht lesen. Aber er verstand das Wichtigste: Das ist kein Defekt. Das ist ein Ruf. Jemand rief, und er verstand nicht, wohin und wovon, und das war unerträglich.
Am nächsten Tag, an derselben Stelle am Wasser, drückte Lok ihm ein kleines Ding in die Hand – einen abgegriffenen Steckadapter, leicht, herrenlos.
»Da. Funktioniert wahrscheinlich. Hat nie einer reingesteckt – aber das ist er, ganz sicher.« Und nach einer Pause, ohne jeden Witz, leise, den Blick auf dem Wasser: »Kee. Nur … steck’s nicht in deinen Bildschirm. Den, der an der Stadt hängt. Alles, was du ins Stadtnetz steckst, das … sieht. Verstehst du? Wenn du reingucken willst – such dir irgendeinen tauben, abgeklemmten. Ist gesünder für dich.«
Kee nickte. Und sagte nichts. Denn er wusste schon – einen tauben Bildschirm hatte er nicht, und warten, suchen, hinauszögern konnte er nicht mehr. Zu Hause wartete er die Nacht ab.
Die Mutter kam herein, ohne anzuklopfen. Sie kam selten zu ihm. Stand eine Weile in der Tür, im Morgenmantel, mit ihrem aufgeräumten Gesicht, und Kee schob das Armband unter die Decke – zu spät, sie hatte es gesehen. Aber sie sagte nichts über das Armband. Sie sagte, den Blick an ihm vorbei:
»Ich habe gehört, dass du nicht schläfst.« Eine Pause. »Dein Ton, nachts …«
»Mein Ton ist gleichmäßig, Mama«, sagte Kee leise. »Papa hat’s doch gesagt. Grün.«
»Tagsüber«, sagte die Mutter. Und stockte, als wäre sie selbst überrascht, dass sie es gesagt hatte. Und Kee sah, wie die Zustimmung an ihrem Handgelenk aus dem Grün ins Gelbe zuckte und zurück, und wie sie es spürte und sich beeilte, gleichmäßig zu Ende zu sprechen: »Nimm Gleichmut. Dann wirst du ruhiger.«
»Und bist du ruhiger, Mama?«, fragte Kee. Ohne Trotz. »In echt?«
Die Mutter schwieg länger, als eine Antwort dauert. Irgendwo unter dem aufgeräumten Gesicht, unter dem gelben Funken am Handgelenk, trat wieder jemand ans Fenster – Kee sah es, sah, wie gern sie etwas gesagt hätte, was sie sich selbst längst nicht mehr erlaubte –, und sie sagte es nicht. Das Fenster schloss sich. Sie zog ihm die Decke zurecht wie einem kleinen Kind, und bei dieser alten, echten Bewegung schnürte es Kee die Kehle zu.
»Schlaf im Einklang«, sagte sie und ging.
Und in diesem »Schlaf im Einklang«, gesagt mit ihrer Stimme, in der einst, auf der Insel, ein lebendiges, schiefes Lied gewesen war, lag so viel Ungeweintes, dass Kee begriff: Schluss. So geht es nicht weiter. Man kann nicht aufwachen, die Würze essen, in fremdem Grün leuchten, zusehen, wie die Mutter in sich ein Fenster verriegelt, und morgen wieder dasselbe. Das ist kein Leben. Das ist ein gleichmäßiger, sorgfältig glatt gezogener Tod.
Er wartete, bis im Haus alles still geworden war. Zog die Schublade auf. Nahm den Tonträger heraus, Loks Adapter. Und rückte seinen Bildschirm heran, den gewöhnlichen, den, der an die Stadt angeschlossen war wie alles in diesem Haus.
Er hielt den Adapter und dachte an das, was Lok gesagt hatte. Alles, was du reinsteckst, das sieht. Steckst du es rein – und irgendwo dort, in der eisernen Stille, blinzelt etwas, vermerkt es, merkt es sich: Da ist er, der Junge, der nicht im Einklang ist, da ist sein Name, da ist sein Haus. Er setzte sich einem Risiko aus – dem Risiko, sich zu verraten, bemerkt zu werden, vermerkt, eingetragen in eine Liste, nach der die Wärter kommen. Er begriff das so klar wie nie. Und trotzdem steckte er den Adapter in den Tonträger und den Tonträger – über den Adapter – in seinen städtischen, alles sehenden Bildschirm, weil es nicht anders ging, weil sie nicht mehr da war, um ihn aufzuhalten, weil es unter den Rippen, links, dröhnte und vorwärtstrieb, und dieses Dröhnen war stärker als die Furcht.
Der Bildschirm erwachte. Die Musik war vollständig da, ganz lebendig. Und ganz unten, hinter den Liedern, versteckte sich eine Datei – keine von denen, die er kannte, mit einem langen, seltsamen Namen, zusammengesetzt, wie man es hier nicht tat. Kee öffnete sie.
Und begriff nicht sofort, was er da sah.
Der Bildschirm bewegte sich nicht. In der Welt, in der Kee aufgewachsen war, lebte ein Bild immer: floss, blinzelte, wechselte, atmete, wie der Äther, wie alles ringsum – das Bild war ein Fluss, man konnte es nicht anhalten. Dieses aber stand. War erstarrt. Als hätte jemand den Äther an der Kehle gepackt und hielte ihn fest, und er wäre auf einem einzigen Bild erstarrt und ginge nicht weiter. Kee berührte sogar den Bildschirm, weil er dachte, er hätte sich aufgehängt. Hatte er nicht. Das Bild stand einfach und hatte nicht vor, irgendwohin zu fließen.
Es waren mehrere, diese stehenden Bilder – Kee begriff nicht sofort, dass man sie durchblättern konnte. Jedes ein Stück Welt, gefangen und für immer angehalten. Eine dunkle Prachtstraße, eine von jenen verwaisten, dicht über der Erde. Eine Wand. Eine Ecke mit einem alten Zeichen. Eine rostige Tür unter einer Treppe. Eine Feuertreppe, die nach unten führte, ins Dunkel. Jemand war irgendwann diesen Weg gegangen und hatte ihn Schritt für Schritt angehalten, Bild für Bild, damit ein anderer ihm nachgehen konnte – Kee sah diese erstarrten Stücke Nacht an und begriff allmählich: Das sind keine Bilder. Das ist ein Weg. Ein aufgenommener, angehaltener, in Schritte zerlegter Weg dorthin, nach unten. Und über dem ersten Bild stand der Name der Datei selbst – ebenjener lange Name, den er geöffnet hatte, nur dass Kee ihn jetzt als Worte las:
Hat der gläserne Himmel einen Riss? Such den Riss von innen.
Er blätterte durch die erstarrten Bilder – Straße, Wand, Tür, Abstieg – und erkannte, wohin das führte: nach unten, unter die gleichmäßige, grüne Stadt, auf jene toten unteren Straßen dicht über der Erde, wo, so hieß es, noch jemand summte, nicht im Einklang. Das war ein Weg. Aufgenommen in stehenden Bildern, die es in dieser Welt nicht gibt – und darum nur umso gewisser echt.
Dorthin, wo die »Stille« war.
Kee sah auf die Zeile, und der Kammerton in ihm dröhnte noch immer, und zum ersten Mal war dieses Dröhnen nicht nur Schmerz. Es war auch eine Richtung.
Er ging nicht in derselben Nacht. Er schloss den Bildschirm, versteckte den Tonträger, den Adapter, legte sich hin. Aber jetzt war es im Dunkeln anders: keine Grube ohne Grund, sondern ein Rand, von dem er morgen den Schritt tun würde. Er lag da, sah in das gleichmäßige grüne Licht an seinem Handgelenk – fremd, unbegreiflich, geschenkt von wer weiß wem und wozu –, und wusste, dass er gehen würde. Die Entscheidung war schon gefallen – nicht im Verstand, sondern an jener Stelle in der Brust, mit der er nicht anders konnte als hören. Blieb nur, auf den Morgen zu warten.
So endete sein Winter.
Zweiter Teil. Frühling
Kapitel 6. Stille 2.02 beta
Der Tag kam, und Kee ging.
Nicht sofort, nicht im Morgengrauen, wie er es sich in der Nacht ausgemalt hatte – es wurde ein gewöhnlicher, trüber Tag, und darum kam ihm der Entschluss nicht wie eine Heldentat vor, sondern wie ein Gang in den Hörsaal: aufgestanden, angezogen, gelogen. Lügen musste er zu Hause, und das erwies sich als das Leichteste.
»Lok und ich machen ein Projekt«, sagte er beim Frühstück, ohne von seinem Teller aufzusehen. »Ein großes. Über mehrere Tage. Vielleicht wohne ich so lange bei ihm, damit ich nicht hin- und herfahren muss.«
Er hatte Nachfragen erwartet und noch mehr Lügen bereitgelegt, über Fristen und Abgabetermine. Aber das Gesicht des Vaters hellte sich bei dem Namen Lok so auf, dass Kee sich schämte.
»Lok?« Der Vater legte die Gabel weg. »Der aus dem einundachtzigsten?« Und er sah seinen Sohn beinahe mit Stolz an, und Kee begriff, dass er ins Schwarze getroffen hatte, ohne es zu wollen: Die Verbindung zu einem Jungen aus einem hohen Turm war in den Augen des Vaters mehr wert als jedes Projekt. »Das ist gut. Das ist richtig. Halt dich an solche.« Er nickte zufrieden, und flüchtig, aus Gewohnheit, glitt sein Blick über das Handgelenk des Sohnes – und dort leuchtete, wie an all diesen Tagen, gleichmäßig, sauber grün die Zustimmung, keine Spur von einem Fehler. Der Ton in Ordnung. Der Sohn beschäftigt, in guter Gesellschaft, der Ton gleichmäßig. Was will man mehr. »Geh nur. Melde dich.«
Und das war alles. Das Armband log nicht – das Armband hielt Grün, was immer Kee tat –, und wenn das Armband grün ist, dann ist der Sohn im Einklang, dann gibt es keinen Grund zur Sorge. Kee aß auf, packte seine Tasche und ging, und man ließ ihn leichten Herzens ziehen, wie man einen ziehen lässt, für den das Gerät Entwarnung gibt. Schon an der Schwelle dachte er bitter, dass dieses seltsame, immergrüne Ding, das er nicht verstand und fürchtete, ihm soeben einen Dienst erwiesen hatte: Es hatte für ihn den Vater belogen, so glatt, wie er selbst es nicht gekonnt hätte.
Die Adresse von den Bildern führte nach unten.
Nicht bildlich – nach unten: Aufzüge, die niemand benutzt, Treppen hinter Türen mit der Aufschrift »Technischer Zugang«, Rang um Rang, tiefer als jeder Ort, an dem Kee je gewesen war. Er ging seinen erstarrten Bildern nach wie einer Spur: diese Prachtstraße, diese Wand, diese rostige Tür. Je tiefer, desto kälter wurde es – nicht jäh, sondern gleichmäßig, zehrend, als würde oben jemand Wärme austeilen und hier unten damit aufhören. Kee schlug den Kragen hoch. Der Äther an den Wänden bekam erst Störungen, dann erlosch er ganz, und zum ersten Mal in seinem Leben war Kee an einem Ort, an dem es keine gleichmäßige Stimme aus dem Nirgendwo gab. Es war so still, dass ihm die Ohren klingelten. Er ging auf diese Stille zu, wie man auf ein Licht zugeht, obwohl sie das Gegenteil davon war.
Und noch etwas bemerkte er beim Abstieg, und er verstand es nicht, er registrierte es nur mit der Haut: Hier war eine andere Stadt. Unter dem Unten, das Kee kannte, unter den schäbigen, aber lebendigen unteren Rängen lag etwas noch Älteres – alte Gewölbe, alte Fliesen, verlegt von Händen, die es längst nicht mehr gab. An den Wänden hatten sich hier und da Zeichen erhalten – Wörter, Namen, einst aus Fliesen gelegt oder geschrieben, offen, für alle, damit ein Mensch wusste, wo er war. Aber die Wörter waren abgerieben, abgeschlagen, mittendrin abgebrochen: »PLA…«, »…ASSE«, »ÜBERG…«. Als hätte jemand die alte, echte Stadt genommen, in der alles einen menschlichen Namen trug und jeder Ort seinen eigenen, und sie von oben mit einer neuen, schönen Hülle zugedeckt, gleichmäßig und namenlos – und das Frühere, das mit den Namen, nach unten gestopft, in Kälte und Dunkel, und die Namen gelöscht, damit sich niemand erinnert. Kee ging an den abgebrochenen Wörtern vorbei und wusste nicht, was sie bedeuteten. Aber der Kammerton in ihm antwortete auf sie – leise, traurig, wie man auf ein fremdes Grab antwortet.
Und je tiefer er stieg, desto mehr tat sich von dieser unteren, vergessenen Welt auf. Hier gab es ein eigenes Leben – nicht das von oben, gleichmäßig und ausgeleuchtet, sondern ein anderes: zäh, allem zum Trotz nicht totzukriegen. In einer der alten Hallen hatte jemand in einer Eisentonne Feuer gemacht, und ringsum wärmten sich dunkle Gestalten, und es roch nach Rauch – echtem, beißendem, wie es ihn oben nicht gab, wo jeder Geruch restlos abgesaugt wurde. An den Wänden zogen sich Kabel hin, über die Jahre zu dicken schwarzen Adern verwachsen: Irgendwer hatte sich irgendwann an irgendetwas angeschlossen und der Stadt, die diese Menschen entsorgt hatte, einen Tropfen Wärme und Licht gestohlen. Wasser tropfte. Irgendwo weit in den Tunneln dröhnte es – nicht der Äther, bloß Eisen, ein heiseres Echo. Eine Ratte huschte vorbei, und Kee zuckte zusammen: Oben gab es keine Ratten, oben gab es überhaupt nichts Lebendiges, das nicht im Bestand geführt wurde. Hier aber gab es das – Ratten und Schimmel und Menschen, und all das wimmelte, klammerte sich ans Leben, in Kälte und Dunkel, wohin die Stadt alles abgeschoben hatte, was nicht in ihr gleichmäßiges Bild passte. Kee ging und dachte: Dahin kommt also alles. Es verschwindet nicht. Es fällt bloß nach unten durch, denen oben unter die Füße, die glauben, sie lebten auf der Erde – und dabei leben sie auf dem Dach eines riesigen, verschütteten Grabes, in dem noch geatmet wird.
Unterwegs, auf einer der toten Ebenen, flackerte die Laterne über ihm – das Flimmern, das in jener Nacht durch die Stadt gegangen war und sich nicht legte. Das Licht erlosch für eine halbe Sekunde und kam wieder. Kee wartete die Dunkelheit ab und ging weiter; hier unten, in dieser Einöde, war der Aussetzer tiefer und schwärzer als oben – als erlösche nicht eine Laterne, sondern etwas Größeres, für einen langen Atemzug –, aber Kee dachte nicht weiter darüber nach: Was flackert nicht alles in verlassenen Tunneln.
Die »Stille« war keine Festung von Aufständischen und kein Hauptquartier. Das begriff Kee sofort, und es machte ihn ratlos. Er hatte Waffen erwartet, Karten, Wut – und fand einen Keller, warm von alten Lampen, eingerichtet in irgendeiner früheren Halle mit einem abgebrochenen Namen über dem Eingang, und darin ein Dutzend Menschen, die das Seltsamste taten, was man unter der Erde tun kann: Sie lauschten.
Und das Erste, was Kee traf, noch vor der Stille, waren ihre Gesichter. Weiß. Nicht blass vor Müdigkeit wie bei Leuten, die nicht schlafen – sondern weiß von einer gleichmäßigen, wächsernen Weiße, wie es sie bei den Menschen oben nicht gibt; als hätte man alles Licht aus ihnen herausgenommen, als hätten sie seit Jahren nicht einmal jene trübe Wärme gesehen, die über die oberen Ränge floss. Oben war es hell, hier dunkel, und diese wächsernen Gesichter sagten Kee deutlicher als jedes Schild, wie tief er hinabgestiegen war und wie lange diese Menschen schon hier waren, unten, in der Kälte, ohne Himmel. An der Wand saß ein alter Mann mit Kopfhörern, die Hand an die Brust gedrückt, und über sein Gesicht liefen Tränen, und niemand rührte ihn an. Zwei beugten sich über einen uralten Empfänger und fingen durch das Rauschen etwas auf – einen Fetzen alter Musik, eine Stimme, die Aufnahme eines lebendigen Lachens, erhalten wer weiß wie, wer weiß aus welcher Zeit; sie drehten das Rädchen so behutsam, als verberge sich dort, im Knistern, kein Klang, sondern ein Mensch. Einer saß einfach in der Ecke, mit geschlossenen Augen – zum ersten Mal seit Jahren vielleicht an einem Ort, an dem niemand seinen Ton maß. Sie versteckten sich nicht und sie kämpften nicht. Sie versuchten nur, unter dieser Erde Menschen zu bleiben, still, jeder für sich, und tauten, Tropfen für Tropfen, aus der Kälte auf.
»Ein Neuer«, sagte jemand ohne Unruhe. »Über die Adresse. Also hat sie ihm jemand gegeben. Also einer der Unseren.«
Man durchsuchte ihn nicht, man verhörte ihn nicht. Man gab ihm einen Becher mit etwas Heißem – und Heißes war hier Gold wert, das begriff Kee daran, wie behutsam sich fremde weiße Finger um den Becher schlossen, bevor sie ihn hergaben – und ließ ihn sitzen.
Und da sah er die Wände. Über sie liefen im ungleichmäßigen Licht der Lampen Zeichnungen – grobe, von Händen hinterlassene: schwarze Linien, Gesichter, Zeichen –, und Kee erkannte diese Spur, dieses matte Schwarz, das die Finger schmutzig macht. Kohle. An der Wand lagen in einer Blechdose Brocken – schwarze Stückchen, wie Lila eines unter der Hochstraße über den Beton geführt hatte. Einer von denen, die dasaßen, fing seinen Blick auf und schob die Dose schweigend näher: Nimm, wenn du es brauchst. Und erst hier, unter der Erde, in dem kalten, warmen Keller, kam ihre rätselhafte Antwort endlich bei Kee an – »Es gibt Orte, an die die Stadt nicht herangekommen ist, man muss wissen, wie man da runterkommt, findest du’s – dann verstehst du«. Das war es. Daher hatte sie die Kohle. Sie war hier hinabgestiegen – oder zu solchen wie diesen –, um das Einzige zu holen, womit man in dieser gelöschten, strömenden Stadt, die sich an nichts erinnert, noch eine grobe Spur hinterlassen konnte, eine, die sich nicht abwaschen lässt. Lila wusste von der »Stille«. Lila hatte vielleicht sogar hier gesessen, auf genau dieser Kiste. Bei diesem Gedanken schnürte es Kee die Kehle zu, und er umklammerte in der Tasche ihr totes Armband.
Kee saß da und hörte der Stille zu: nicht der verordneten Minute »zur Besinnung«, sondern einer lebendigen, in der jeder endlich allein war mit dem Ort in sich, zu dem oben niemand Zutritt hatte. Und der Kammerton in ihm, der den ganzen Tag und drei Nächte lang vor Schmerz gedröhnt hatte, begann hier – zum ersten Mal seit jener Wand unter der Hochstraße – leiser zu werden. Er verstummte nicht. Er klang gleichmäßig, wie eine Saite klingt, die man endlich losgelassen hat.
»Was anderes erwartet, was?« Neben ihn setzte sich ein Junge, ein wenig älter, mit einem müden, gutmütigen Gesicht, und dieses Gesicht war nicht so weiß wie die der anderen – er ging wohl öfter nach oben und kam zurück. »Alle erwarten was anderes. Denken, hier lernt man kämpfen.« Er grinste. »Hier lernt man hören. Erst musst du hören, dass in dir noch einer da ist, der hören kann. Sonst gehst du raus und kämpfst – und drinnen ist schon alles leer, und der da kämpft, bist schon nicht mehr du.«
»Und wer kämpft?«, fragte Kee. »Wenn nicht ihr?«
Und der Junge veränderte sich. In seiner Stimme brach etwas durch, das in diesem Keller sonst niemand hatte: ein Fieber.
»Da guckst du in die falsche Richtung«, sagte er und beugte sich näher, und seine Augen begannen zu glänzen. »Das hier sind alles Leisetreter, alte Leute, die bleiben so lange sitzen, bis man sie einzeln aufräumt. Aber es gibt welche, die sitzen nicht. Die ›Farben der Freiheit‹. Schon gehört?« Kee schüttelte den Kopf. »Bist du eingestimmt, oder was?! Die machen es offen. Live zerreißen die das System, mitten ins Gesicht, Millionen schauen zu. Die flüstern nicht in Kellern – die brüllen durch die ganze Stadt. Das ist das Echte, Bruder. Das ist Widerstand. Willst du die Wahrheit laut und nicht dieses …« – er machte eine Handbewegung zu dem alten Mann mit den Tränen hin – »… stille Requiem, dann geh zu den ›Farben‹. Solche wie dich tragen die auf Händen. Die Lauten.«
Und Kee zuckte bei dem Wort »Lauten« zusammen – Kee, in dem die Saite eben erst begonnen hatte, leiser zu werden, in dem es kaum, kaum losgelassen hatte und dessen zaghafte Ruhe schon wieder aus dem Takt gebracht, neu angeschlagen wurde; Kee, dem Lila vor Augen stand, wie sie dem weißen Licht ins Gesicht sang. Er erkannte das Wort wieder. Laut. So hatte Lila ihn genannt. Du bist laut, dich löschen sie. Lieber einmal klingen. Was, wenn sie ihn genau dorthin gerufen hatte, zu den Lauten, zu denen, die nicht schweigen? Was, wenn die stille »Stille« für die Gebrochenen war, für alte Leute, die hier ihre Zeit absaßen, und man sie, die Lebendige, die Singende, gerade deshalb geholt hatte, weil sie zu den Lauten gehörte, zu denen, die offen reißen? Etwas an diesem Jungen war anders als an den Übrigen hier, und Kee begriff nicht gleich, was. Alle im Keller saßen still, nach innen gewandt, dieser aber – nach außen: Seine Augen liefen umher, suchten, hakten sich fest. Er lauschte nicht. Er hielt Ausschau. Und er sah Kee an, wie man nicht einen Menschen ansieht, sondern einen Fund – abschätzend, erfreut, kalkulierend. Wäre Kee älter gewesen, er wäre misstrauisch geworden: So sieht einen jemand an, der etwas von einem will. Aber Kee war siebzehn, und zum ersten Mal sah ihn jemand an wie etwas Wertvolles, wie einen, den man will. Und nach einem langen Leben im Einklang, als einer unter lauter Ausgeglichenen, stieg ihm das zu Kopf – stärker als jede Vorsicht. Er wusste nur, dass es in ihm wieder dröhnte – nicht mehr ruhig, sondern vor Wut –, und dass die Wut wärmer war als die Ruhe und lauter rief.
Der alte Mann an der Wand ließ endlich die Hände sinken, öffnete die Augen, nass und ruhig, und sah Kee quer durch den ganzen Keller an – lange, ohne Worte, als hätte er in ihm gehört, was sich eben eingeschaltet hatte. Und schüttelte den Kopf. Ganz leicht. So wie man den Kopf schüttelt, wenn man nicht »Nein« meint, sondern »Schade«. Aber Kee sah den alten Mann schon nicht mehr an. Kee sah den Jungen an, der von Livesendungen und Millionen erzählte und davon, dass man solche wie ihn auf Händen trägt.
»Wo sind die?«, fragte Kee. »Deine Farben. Wie findet man sie?«
Der Junge lächelte, als hätte er nur darauf gewartet, und zog etwas hervor – einen Fetzen, ein Zeichen, eine Adresse, die nicht mehr nach unten wies, sondern seitwärts, weg, hinauf ins Licht, fort von den weißen Gesichtern und den heißen Bechern.
»Ich bring dich hin«, sagte er. »Gleich jetzt. Ist nicht weit. Die werden sich über dich freuen, merk dir meine Worte. Über solche wie dich – du ahnst nicht, wie die sich freuen.«
Und Kee stand auf und ließ auf der Kiste den halb vollen Becher stehen – das Heiße, das man hier hütete wie eine Kostbarkeit, an dem man sich die weißen Finger wärmte und das er wie selbstverständlich genommen hatte, hastig, ohne seinen Preis zu begreifen – und folgte dem fiebrigen Jungen hinaus aus der »Stille«, nach oben, zu den Lauten. Der alte Mann sah ihm nach und schüttelte den Kopf und rief ihn nicht: Hier hielt man niemanden. Hier wusste man, dass man die, die zum Lauten gehen, nicht hält, dass der Junge da selbst durchmuss und dass er – wenn er zurückkommt – als ein anderer zurückkommt.
Irgendwo oben, über allen Ebenen, ging zur selben Stunde wieder ein Flimmern durch die Stadt, und in einem der schlafenden Viertel erlosch für eine halbe Sekunde das Licht und ging wieder an, und eine Mutter, die schlaflos am Fenster saß, hob die Hand vor die Augen, als wäre es eine fremde – aber das sah Kee schon nicht mehr. Er stieg aus der Stille zum Lärm, aus der Kälte zu den Lichtern, und in ihm gewann ein ganz anderer Klang an Kraft und übertönte die eben erst losgelassene Saite, und er passte zu seinem Alter und kam ihm vor wie Freiheit.
Kapitel 7. Die Versammlung
Die Stadt, über die Ariadna vom Bildschirm herab log, und die Stadt, durch die sie nachts fuhr, waren zwei verschiedene Städte, und sie hatte längst gelernt, sie nicht zusammenzubringen, weil ihr davon schwindlig wurde. Das Boot glitt lautlos durch den Kanal – schmal, lang, wie eine gläserne Kapsel, die sich aufs Wasser gelegt hat: eine durchsichtige Kuppel über dem Kopf, und innen alles steril, weiß, warm, kein Spritzer, keine Feuchtigkeit, als führe man gar nicht über Wasser. Am Heck stand ein Gondoliere und führte unhörbar ein langes Ruder – nicht, weil das Boot ihn gebraucht hätte, es fuhr von selbst, sondern weil es so üblich war: damit ihr jemand die kleine Tür öffnete, damit jemand da war, dem man »Danke« sagen konnte. Er hieß irgendwie, sie wusste nicht mehr, wie, und auch das versetzte ihr den gewohnten Stich, aber der Stich war stumpf, abgetragen.
Hinter dem Glas floss ihre Stadt. Die vom Tag, die auf dem Bildschirm, kannte sie auswendig: vollkommene Harmonie, fürsorgliche Stabilität, Einklang. Diese hier, die nächtliche, entlang der Kanäle, war stiller und ehrlicher und darum schrecklicher. Über die Uferwege, die Stege, die hängenden Plätze gingen die Menschen gleichmäßig; auch nachts wurde es oben nicht leer – die Kanäle arbeiteten, Kapseln glitten entgegen, Schaufenster leuchteten –, aber all das bewegte sich ohne Fehler, ohne Hast, glatt. An den Handgelenken leuchtete ruhig grün die Zustimmung, synchron, ganze Kreuzungen auf einmal, als atmete die Stadt in einem einzigen grünen Atemzug. Niemand hatte es eilig – Eile ist eine Frage, und die Eingestimmten hatten keine Fragen. Niemand lachte zur falschen Zeit. Niemand stand einfach so da und sah in den Himmel, denn in den Himmel zu sehen ist zwecklos, am Himmel wird nichts gezeigt.
»Das habe ich gemacht«, dachte Ariadna, wie sie es jedes Mal dachte, und wusste nicht, ob das Stolz war oder ein Urteil. Nicht allein, natürlich; aber ihr Gesicht, ihre Stimme, ihr warmes »Danke, dass Sie die Wahl treffen, im Einklang zu sein« hatten sich als dünne oberste Schicht auf diesen grünen Schlaf gelegt, als Lack, unter dem man nicht mehr erkennt, wo Farbe ist und wo Holz. Sie war der Lack. Der teuerste Lack der Stadt.
Und irgendwo unter diesem Lack, unter den Rippen, unter der alten, weiß gewordenen Narbe, ballte sich ihre Hand zur Faust – heimlich, ohne ihr Wissen, wie sie sich bei jeder Sendung ballte. Auch jetzt hatte sie sich geballt; Ariadna ertappte sie dabei. Und wieder, wie immer, konnte sie sich die einzige Frage nicht beantworten, die zählte: ob es ihre Faust war. Ihr Ekel vor der grünen Stadt – war er ihr eigener, lebendiger, der Beweis, dass sie noch ein Mensch war? Oder schien es ihr nur, dass er ihr eigener war? Die Stadt hinter dem Glas war doppelt: Lack und Fäulnis. Und sie war auf genau dieselbe Weise doppelt, und es gab kein Gerät, das in ihr das eine vom anderen getrennt hätte, denn ein Gerät kann benennen, aber nicht sehen.
Das Boot bog sanft in einen breiten Kanal ein, zum Turm der Versammlung.
* * *
Das Vestibül war so gebaut, dass ein Mensch sich darin eingeladen und zugleich nichtig fühlte – das konnte nur sehr altes Geld. Stein, der nicht glänzte. Eine Höhe, in der die Stimme verloren ging. Licht, das von nirgendwo kam und keinen Schatten gab – ihre geliebte, verhasste schattenlose Leere, in der sie zwölf Jahre gearbeitet hatte. Am Eingang, an einer langen Theke, gaben die Gäste ihre Armbänder ab – nahmen die Zustimmung vom Handgelenk und reichten sie hinüber wie einen Mantel an der Garderobe, und gingen mit nacktem Handgelenk weiter; so war es üblich, niemand fragte, warum, zur Versammlung trat man eben ohne sie ein. Ariadna hatte nichts abzunehmen – ihr stand überhaupt kein Armband zu –, aber ihr Blick blieb an den entblößten fremden Handgelenken hängen, blass im schattenlosen Licht, und an der gleichmäßigen Reihe abgelegter Zustimmungen auf dem Samt, dunkel, erloschen, wie abgenommene Halsbänder. Wer zu den Aufzügen ging, ging leicht, ohne grünes Auge am Arm – das Zeichen derer, die bestimmen, wozu zugestimmt wird. An den Wänden aber, an den Türen, in den Nischen standen die, die dienten, und bei ihnen leuchtete die Zustimmung gleichmäßig, und sie senkten die Augen, wenn das Gesicht der Stadt vorüberging. Der Portier am Aufzug war nicht mehr jung. Er öffnete ihr die Spiegeltüren, ohne den Blick zu heben, und sagte mit der glatten, polierten Stimme des Dienens, in der kein Mensch ist, nur ein Amt: »Frau Rätin. Oberste Ebene. Eine gute Versammlung.«
»Danke«, sagte Ariadna und trat ein, und er trat hinter ihr ein – begleiten, drücken, oben öffnen, so war der Dienst. Die Türen schlossen sich. Der Aufzug fuhr an – weich, lautlos, mit derselben fürsorglichen Sanftheit, mit der alles geschah. Auf dem Paneel leuchteten in warmer Schrift die Stockwerke, und eine leise Frauenstimme – dieselbe wie in den Armbändern, in der Werbung, überall, die Stimme, die sie im Grunde selbst war – sagte zärtlich:
»Wir fahren aufwärts. Bewahren Sie Ruhe. Sie sind fast am Ziel.«
Und bei dem Wort »Ziel« – erlosch es.
Nicht die Stimme – alles. Das Licht, die Schrift auf dem Paneel, das gleichmäßige Summen der Fahrt. Der Aufzug blieb zwischen den Stockwerken stehen, mit einem weichen, nicht endgültigen Ruck, und es wurde dunkel, und im Dunkel – Stille, eine vollkommene Stille ohne jeden Hintergrund, wie es sie in der bewohnten Welt nicht gibt, wie Ariadna sie nur ein einziges Mal gehört hatte, vor sehr langer Zeit, und sie wusste nicht mehr, wo.
Das Paneel blinzelte. Auf ihm erschien eine einzige Zeile – keine warme, eine Arbeitszeile, unter dem Lack hervor, aus dem Maschineninneren, das ein Besucher nicht zu sehen hat:
...synchronisation verloren. warte. warte. wa–
Und brach ab. Und wieder Dunkel.
Das war er also, der Fehler. Ariadna wusste von ihm – die Berichte landeten auf dem Tisch des Vaters, »Kalibrierung«, »planmäßige Instabilität der Knoten«, nichts weiter, nichts für die Sendung; zu ihr drang es am Rande, als Vorrecht der Familie, mit halbem Ohr. In der Stadt erloschen Viertel, blieben Bänder stehen, das Flimmern lief immer öfter über das Netz, und oben glaubten schon nicht mehr alle, dass es die Kalibrierung war. Aber es ist eines, von dem Flimmern aus einem fremden Bericht zu wissen. Und etwas ganz anderes, in ihm zu hängen, in einem eisernen Kasten, zwischen den Stockwerken, in einem Dunkel, das nichts von unten her warm beleuchtet.
»Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Rätin«, sagte der Portier aus dem Dunkel, und seine Stimme war noch dienstlich, poliert. »Das wird gleich behoben. Das kommt in letzter Zeit vor. Wir bitten um Entschul…«
Und da erlosch es auch in ihm.
Ariadna sah es nicht – sie spürte es. An seinem Handgelenk flackerte die Zustimmung, die im Dunkel des Aufzugs als Einzige noch geglommen hatte, ein grüner Punkt, und ging aus – ganz, restlos, sie hatte das Signal verloren, zusammen mit dem ganzen Gebäude. Und mit dem grünen Punkt wich aus der Stimme des Portiers das Amt. Er sprach das Wort nicht zu Ende. Er verstummte mitten im polierten Wort, wie ein aufgezogenes Spielzeug verstummt, dessen Feder abgelaufen ist. Und in der Stille danach stand neben Ariadna kein Portier mehr. Da stand ein nicht mehr junger, müder Mensch im Dunkeln, dem niemand zuhörte, weil niemand da war, der hätte zuhören können: keine Kameras, keine Stimme von oben, kein grünes Licht, das seinen Ton prüfte. Sie standen da und schwiegen. Lange. Länger, als es peinlich ist – so lange, dass die Peinlichkeit verging, ausbrannte, und nur eine Stille zu zweit blieb, in die keiner von beiden etwas hineinlegen musste. Ariadna wahrte nicht das Gesicht. Wozu im Dunkeln das Gesicht wahren. Zum ersten Mal an diesem Abend, vielleicht in diesem Monat, war neben ihr ein Mensch, vor dem sie nicht das Gesicht der Stadt sein musste, weil er sie nicht sah und sie ihn nicht sah, und beide wussten es.
»Wie still es ist«, sagte er schließlich. Nicht dienstlich. Leise, zu sich, ins Dunkel. »Ich hab ganz vergessen, dass es das gibt. So ganz. So, dass keiner.«
Ariadna schwieg. Sie begriff plötzlich, dass sie nicht antworten wollte – nicht, weil es nichts zu sagen gab, sondern weil jedes Wort jetzt alles wieder eingeschaltet hätte: ihre Rolle, seinen Dienst, den Lack. Solange es aber still war, waren sie einfach zwei im Dunkeln, und das war echt, und man durfte es nicht mit Worten anfassen: Vor Worten lief es davon.
»Ich hatte eine Tochter, ungefähr in Ihrem Alter«, sagte er in die Stille, ohne um Antwort zu bitten; er gab es dem Dunkel, nicht ihr. »Hat viel gefragt.« Eine Pause. »Jetzt fragt sie nicht mehr. Im Einklang.« Und noch, leiser: »Es geht ihr gut. Sagt man.«
Und er verstummte, erschrocken, so schien es, nicht vor ihr – sondern davor, dass er es laut gesagt hatte, zum ersten Mal seit Jahren, an dem einzigen Ort, an dem von oben niemand zuhörte. Ariadna stand im Dunkeln neben einem Menschen, dem man die Tochter geholt hatte, so wie man ihr – was? – sie selbst geholt hatte, mit sechs, im weißen Raum; und sie sagte kein Wort, und in diesem Schweigen war mehr als in allen ihren Sendungen, denn in den Sendungen log sie für alle, und hier schwieg sie mit einem, und das Schweigen gehörte beiden, und es ließ sich weder aufnehmen noch einordnen. Irgendwo in ihr – sie vermerkte es mit kaltem Erstaunen – ballte sich zum ersten Mal seit Langem keine Faust. Es gab keinen Grund, ein »Nein« unter dem Tisch zu verstecken. Hier, im Dunkeln, war alles »Nein«, still, ganz, herrenlos.
Das Licht kam mit einem Ruck zurück.
Das Paneel flammte warm auf, die Stimme setzte bei demselben Wort wieder ein, als wäre sie nie unterbrochen worden: »… am Ziel.« Der Aufzug ruckte und fuhr. Und Ariadna sah, wie am Handgelenk des Portiers der grüne Punkt wieder anging – und wie mit ihm das Amt in ihn zurückkehrte, gleichmäßig, augenblicklich, wie Wasser in seine Form zurückkehrt. Er richtete sich auf. Das Gesicht straffte sich. Die Augen senkten sich.
»Wir bitten um Entschuldigung für die Verzögerung, Frau Rätin«, sagte er mit der polierten Stimme, in der schon wieder kein Mensch war. »Technische Arbeiten. Eine gute Versammlung.«
Als hätte es das Dunkel nicht gegeben. Als hätte niemand darin von einer Tochter gesprochen, die nicht mehr fragt. Das Fenster schloss sich – so wie es sich in Kees Mutter schloss, die Ariadna nicht kannte, in Tausenden von Müttern, in allen, in denen für eine Sekunde das Grün erlosch und Lebendiges durchschimmerte, um sogleich wieder aufgeräumt zu werden. Die Türen fuhren auseinander. Der Portier hielt sie auf. Ariadna trat in das weiße Licht der obersten Ebene und ertappte sich dabei, dass sie sich umdrehen und ihm sagen wollte – was? Dass sie es gehört hatte. Dass es der Tochter wahrscheinlich nicht »gut« ging. Dass mit ihm im Dunkeln zu schweigen das Ehrlichste gewesen war, was ihr in diesem Monat geschehen war. Sie drehte sich nicht um. Das Gesicht der Stadt dreht sich nicht nach Portiers um. Und ohne sich umzudrehen, begriff sie zum ersten Mal klar, was den ganzen Abend um sie herumgegangen war: Das Einzige an diesem Tag, was man ihr nicht nehmen konnte, war im Dunkeln geschehen, wo nichts geschah. Stille. Nur die Stille lässt sich nicht nehmen.
Diesen Gedanken trug sie in sich hinein und ging zur Versammlung.
* * *
Der Saal war weiß, und Weiß bedeutete hier Geld – nicht das schreiende Weiß der Werbung, sondern das teure, abgelagerte Weiß, das man täglich von den Menschen reinwaschen muss, die darin leben, damit es so leer bleibt. Ariadna setzte sich in die dritte Reihe, wo ein Gesicht ihres Ranges zu sitzen hatte, und hielt den Rücken gerade, wie auf Sendung, und wusste, dass der halbe Saal nicht gekommen war, um die Lose zu sehen, sondern um zu sehen, worauf sie sah.
»Sie sind zum ersten Mal auf der Versammlung«, sagte die Frau links von ihr, ohne zu fragen. Sie hieß Irma, Ariadna kannte sie, wie man die Möbel im Elternhaus kennt: immer da gewesen, unklar seit wann. Nicht mehr jung, glatt von einer Glätte, die teurer ist als Jugend, die Hände mit schmalen Bändchen behängt – einem grauen, einem sandfarbenen, einem verblichenen blauen –, am Handgelenk gewickelt, anstelle eines Armbands. »Es steht Ihnen im Gesicht geschrieben: zum ersten Mal. Sie sehen die Menschen an. Auf der zweiten Versammlung sieht man schon die Lose an. Auf der zehnten – nur noch den Preis.«
»Was tragen Sie da«, sagte Ariadna. »Sind das Bänder?«
Irma hob die Hand, drehte sie, betrachtete sie mit Wohlgefallen.
»Das, meine Liebe, ist alles, was von sehr schönen Dingen geblieben ist.« Sie berührte das graue. »Ein Mantel. CIVIL MONA.« Sie sprach es mit der Zärtlichkeit aus, mit der man Tote beim Namen nennt. »Nie gehört, natürlich, woher auch. Es gab so ein Haus, ganz am Anfang, als SADI erst lernte, und er lernte grausam: Damals wurde für jede unkontrollierte Schönheit schlimmer verbrannt und eingesperrt als heute. Heute macht man es klug – heute stimmt man Sie einfach ein, und Sie hören von selbst auf, das Schöne zu lieben. Damals aber – plump, ganz offen. Und mitten in alldem nähte dieses Haus, CIVIL MONA, eigensinnig für einfache Leute. Nicht für uns – für alle. Elegant, schlicht, damit es getragen wird und dient. Eleganz ohne Überfluss, verstehen Sie? Würde, die sich eine Putzfrau leisten kann.« Sie lächelte ohne Heiterkeit. »Das hat man ihm nicht verziehen. Man holte es aus den Schränken wie eine Seuche und verbrannte es – zusammen mit allem, was von vor der Ära geblieben war. Es hieß: gefährlich. Und man irrte sich ja nicht: Ein Mensch in einem schönen Ding erinnert sich daran, dass er ein Mensch ist.« Sie drehte die Hand mit dem Band wieder ins Licht. »Also. Der Mantel war handgewalkt, ein einziger Schnitt, Wolle mit einem echten Makel. Man nähte ihn einst in voller Reihe, von der kleinsten Größe bis zur größten, ein und derselbe Mantel in allen Größen, für alle. Zu mir sind drei gelangt. Nur drei haben überlebt, stellen Sie sich vor – der kleinste, der größte und einer dazwischen, der mittlere. Meiner. Ein Glück: Ausgerechnet meine Größe hat sich gefunden.« Sie lächelte. »Und die zwei anderen, den kleinen und den großen, hat man vor meinen Augen verbrannt und zu dem hier versponnen.« Sie drehte die Hand mit dem Band. »Verstehen Sie den Reiz? Was man einst als Bedrohung verbrannte, verbrennt man jetzt als Luxus. Dasselbe Feuer. Nur damals – damit kein einziges bleibt. Und heute – damit genau eines bleibt. Meines. Einzigartigkeit, meine Liebe, ist nicht, wenn es ein Ding nur einmal gibt. Sie ist, wenn alle anderen vernichtet sind. Es genügt nicht, die Erste zu sein. Man muss die Letzte sein.«
Ariadna sah das graue Band an – die versponnene Asche von allem, was vernichtet worden war, damit eines das Einzige blieb –, und unter dem Kragen, an der alten Narbe, begann es leise zu ziehen. Sie zwang ihr Gesicht, Gesicht zu bleiben. Irgendwo hatte sie das schon gesehen, diese Mechanik. Nicht an Kleidern. An Menschen. Alle anderen Fassungen eines Menschen löschen, die eine gebilligte übrig lassen und den Beweis tragen, dass es die übrigen nicht mehr gibt. Auf dem Podium kündigte ein Mann ohne Hammer – ein Hammer wäre vulgär gewesen, hier führte man die Zählung mit der Stimme, sanft, wie man jemanden zur Genesung führt – den Beginn an. Der Bildschirm hinter ihm war leer: Die Ware wurde nicht gezeigt, die Ware war nicht zu sehen.
»Bevor wir beginnen«, sagte er mit derselben sanften Stimme, »bitten wir um Entschuldigung für mögliche Unannehmlichkeiten. Die planmäßige Kalibrierung der Knoten, Sie wissen ja. Sollte im Saal das Licht flackern – beunruhigen Sie sich nicht, es dauert nicht lange.« Durch den Saal ging eine verständnisvolle Bewegung: Alle wussten es, alle waren es gewohnt, in letzter Zeit flackerte es überall, und oben hatte man gelernt, darüber gleichmäßig zu sprechen, wie über das Wetter. »Nun denn. Erstes Los. Eine authentische Aufnahme. Ein Mann, der von der Geburt seines Sohnes erfährt. Ton vor der Einstimmung, nicht abgemischt, nicht gereinigt.« Die Stimme führte sanft. »Ich bitte zu beachten: Freude. Reine Freude ist seltener als Leid.«
Durch den Saal ging ein warmes, verständnisvolles Lachen von Menschen, denen es erlaubt ist, das komisch zu finden. Die Ziffern in der Ecke begannen zu laufen. Ariadna saß unter diesen Menschen, und sie waren ihr nicht fremd – sie kannte sie von Empfängen, aus dem Rat, von Hochzeiten; sie liebten ihre Kinder, hielten ihr Wort. Und sie beugten sich vor mit jenem besonderen Hunger, den sie jetzt unfehlbar erkannte: dem Hunger des Satten, der alles aus sich herausgeschabt hat, was einmal wehtat, und entdeckt hat, dass es ohne Schmerz innen hallt wie in einem leeren Zimmer. Sie hatten sich restlos ausgeschabt. Und nun kauften sie tropfenweise, was sie ausgeschabt hatten, denn an die Stelle in sich, an der einmal das Echte gewohnt hatte, kamen sie auf direktem Weg nicht mehr heran. Nur über eine fremde Aufnahme. Nur durch Kauf.
»Sie sind nicht böse«, sagte Irma leise, die ihrem Blick gefolgt war. »Das denken Sie: Ungeheuer. Nein. Ein Ungeheuer hat es leicht. Das hier sind Hungrige. Die Hungrigsten der Welt sind die, die alles haben. Man hat ihnen eine einzige Speise gelassen, die sich nicht anbauen lässt – das Echte. Man kann es nur dem wegnehmen, der es noch hat.« Sie nickte zum Eingang hin. »Darum legt man am Eingang auch die Armbänder ab. Unten – damit es gleichmäßig bleibt, damit man nichts Überflüssiges fühlt. Hier dagegen: Hier bezahlt man dafür, zu fühlen. Mit Armband bietet man nicht auf fremdes Entsetzen – die Hand gleicht sich von selbst aus, und der Appetit erlischt. Man legt es ab, damit der Hunger echt ist. Damit nichts beim Wollen stört.« Sie wandte sich Ariadna zu, und über das glatte Gesicht ging für einen Augenblick etwas ohne Namen. »Ich bin auch hungrig, meine Liebe. Ich mache mir nur schon lange nicht mehr vor, satt zu sein.«
Die Lose gingen weiter. Das Lachen eines Mädchens vor dem ersten Kuss. Das Gebet einer alten Frau, die nicht wusste, dass man sie aufnahm. Zwischen den Aufnahmen kamen auch Dinge – solche, die von vor der Ära überlebt hatten, Kuriositäten, die niemand im Saal recht zu benennen wusste. Ein Kästchen: Man hebt den Deckel, und darin dreht sich eine winzige Figur – eine Ballerina – zu einem dünnen, brüchigen Klingen, von selbst, ohne Äther, einfach aufgezogen von einer Hand vor sehr langer Zeit. Der Saal erstarrte und lauschte diesem lebendigen mechanischen Klang, und der Preis sprang hoch: Für etwas, das von selbst spielt, zahlte man großzügig. Dann – ein kleiner Teppich. Nicht groß, abgewetzt, mit einem feinen Muster am Rand, und in der Mitte, näher an dem einen Ende, war ein Bild eingewebt: ein strenger, dunkler Würfel und darüber ein Bogen, wie ein Eingang oder eine Nische, auf die das Muster zulief. Man stellte ihn ohne Erklärung aus, weil es nichts zu erklären gab: weder, was das war, noch, wozu ein Mensch einst einen solchen Teppich ausbreitete und sich diesem Würfel zuwandte, noch, warum gerade ihm – all das war gelöscht, zusammen mit denen, die es gewusst hatten. Der Saal sah den dunklen Würfel ohne Verständnis an und ohne Antwort. Der Preis rührte sich nicht. Der Teppich wurde nicht gekauft – eine Kuriosität ohne Namen, der Schlüssel zu einer verschlossenen und vergessenen Tür, den niemand mehr brauchte. Man räumte ihn leise weg, und der Saal bemerkte nicht einmal, dass er verschwand. Das letzte Telefongespräch von irgendwem mit irgendwem, der, dem Preis nach, den Morgen nicht erlebt hatte. Der Saal aß. Und irgendwo beim achten Los, als Ariadna dachte, sie werde es aushalten, weil sie gelernt hatte, nicht zu hören, wurde die Stimme auf dem Podium noch um einen Ton weicher, beinahe zärtlich:
»Ein besonderes Los. Authentische Ersteinstimmung. Exemplar: sechs Jahre.«
Der Saal wurde anders still. Andächtig.
»Das Kind hat eine Frage gestellt, auf die man in seinem Alter schon nicht mehr antwortet. Aufnahme vor der Abmischung. Authentisches Entsetzen, bevor man das Entsetzen … in Einklang bringt. Keine Inszenierung. Solche Zugänge sind selten: Kinder erinnern sich kaum, und die sich erinnern – die bringen wir eben in Ordnung. Dieses hier ist seit Langem im Einklang. Vor Ihnen liegt, was es in ihm nicht mehr gibt.«
Und Ariadna war sechs Jahre alt.
Nicht bildlich – mit dem Körper. Die Narbe unter dem Kragen flammte so auf, dass sie die Hand hingeführt hätte, wäre die Hand nicht abgerichtet gewesen, still zu liegen. Der weiße Raum mit ihrem Namen an der Tür. Die Frage, die sie beim Mittagessen gestellt hatte – warum alle gleich lächeln –, und die jemand aufgenommen und verkauft hatte, vielleicht genau so, in einem ebensolchen Saal, an Hungrige, und sie hatten sich vorgebeugt und zugehört, wie sie sechs war und sich fürchtete. Sie wusste nicht, ob es ihre Aufnahme war. Das ließ sich nicht herausfinden. Aber jedes Kind auf dieser Aufnahme konnte sie sein, und jedes war sie.
Die Ziffern begannen zu laufen. Jemand in der ersten Reihe hob zwei Finger, träge. Irma gab einen leisen, beifälligen Laut von sich, wie über einen guten Pinselstrich. Und Ariadna hob die Hand.
Sie hatte nicht beschlossen, sie zu heben. Die Hand ging von selbst nach oben – dieselbe, die sich jahrelang unter dem Tisch zur Faust geballt hatte, heimlich, privat, für niemanden; jetzt hob sie sich ins Licht, vor aller Augen, überbot die trägen zwei Finger, und Ariadnas Stimme nannte eine Zahl jenseits allen Anstands, eine Zahl, nach der man sich im Saal umdrehte, weil das Gesicht der Stadt grob bot, ungeschliffen, lebendig.
Aber das Los war stark, und man überließ es ihr nicht sofort. In der vierten Reihe bot eine Frau mit – glatt, dunkel gekleidet, mit gepflegtem, gelangweiltem Gesicht; sie stand nicht einmal auf, sie bewegte nur kaum merklich die Finger. Ruhig, gewohnheitsmäßig, wie Leute bieten, denen der Preis gleichgültig ist. Irma schielte zu ihr hinüber und flüsterte, ohne die Lippen zu öffnen, mit einem feinen, beinahe sportlichen Vergnügen:
»Oh. Das ist Velta. Für Kinderentsetzen hat sie eine besondere Schwäche, sie sammelt es.« Und gleich darauf, eifrig, mit einem Stoß des Ellbogens gegen Ariadna, wie eine Zuschauerin beim Pferderennen: »Geben Sie es nicht her. Überbieten Sie sie. Na los.«
Und Ariadna überbot. Wieder, höher, gröber, ohne Velta anzusehen, den Blick auf dem leeren Bildschirm, hinter dem sich das fremde sechsjährige Entsetzen verbarg, das ihres sein konnte. Die Frau in der vierten Reihe hob eine Braue, ließ eine Pause verstreichen – und ließ die Hand sinken, lehnte sich in den Sessel zurück: So sehr hatte sie es dann doch nicht gewollt. Irma atmete genüsslich aus.
Stille. Dann die sanfte Zählung vom Podium, die ihren Preis bestätigte, als verstünde er sich von selbst. Niemand hob mehr die Hand. Wer überbietet schon das Gesicht der Stadt.
»Verkauft«, sagte die Stimme zärtlich. »Ich gratuliere.«
Irma legte ihr die kühle Hand auf das Handgelenk – dorthin, wo bei anderen das Armband gewesen wäre, wo bei Ariadna nur der Puls war, der zu schnell schlug.
»Was für ein Geschmack«, flüsterte sie mit aufrichtiger Achtung. »Das Kind zu nehmen. Das stärkste Los des Abends, und Sie haben es nicht hergegeben. Sie haben Appetit, meine Liebe. Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht.«
Und da, unter der kühlen Hand, unter diesem »Appetit«, begriff Ariadna, was sie getan hatte. Sie hatte kein Kind gerettet. Es gab kein Kind – es gab einen Ton, eine Spur, Sekunden fremden Entsetzens, und sie gehörten jetzt ihr, und sie hatte so viel dafür bezahlt, dass die Versammlung den Abend wohl als gelungen vermerkte. Sie hatte es hungrigen Händen entreißen wollen – und war die hungrigste Hand im Saal geworden. Ihre Tat wurde augenblicklich gelesen, ohne den geringsten Spalt: nicht Barmherzigkeit, sondern Geschmack; nicht »Nein«, sondern Appetit; und damit war sie verdaut. Sie war aufgestanden – und hatte den Erlös vermehrt.
Und da begriff sie endgültig, was im dunklen Aufzug begonnen hatte. Alles, was sie tut, wird genommen. Die gehobene Hand wurde gelesen. Der grobe Preis wurde gelesen. Jede ihrer Taten – sogar diese, aus Ekel geboren – hatte das System in derselben Sekunde aufgeleckt und ihr als Vorzug in die Akte eingetragen. Handeln liefert dich aus. Mit Handeln schlägt man sie nicht – Handeln wechseln sie in ihre Münze um, ehe es erkaltet ist.
Die Stille im Aufzug aber – die hatten sie nicht gelesen. Die dunkle, gemeinsame, herrenlose Stille mit dem Portier, in der nichts geschah und es nichts einzutragen gab – die hatten sie nicht genommen. Nicht, weil sie zu spät gekommen wären. Weil in ihr kein Los war. Aus Stille lässt sich kein Inhalt schneiden. Sie saß sehr gerade, wie auf Sendung, und hielt das gekaufte fremde Entsetzen in sich, das vielleicht ihr Gesicht trug, und wusste zum ersten Mal klar, kalt, wie eine Formel: Das Einzige, was sie ihr nicht nehmen können, ist, wenn sie nichts tut. Nicht das »Nein« unter dem Tisch, das womöglich auch einkalkuliert ist. Sondern das volle, offene Nichts, vor aller Augen. Stille, in der kein Los ist.
»Und nun«, sagte die Stimme vom Podium, und in ihr brach eine Vorfreude durch, wie es sie den ganzen Abend nicht gegeben hatte, »erlauben Sie eine Ankündigung. Auf der nächsten Versammlung – zum ersten Mal in der Geschichte – ein Zugang live. Authentizität in Echtzeit. Nicht die Aufnahme eines Bruchs – der Bruch selbst, vor Ihren Augen. Ein Los, das man nicht noch einmal anhören kann, weil es ein einziges Mal geschieht.« Eine Pause. »Näheres für die Geladenen. Halten Sie Ihren Appetit bereit.«
Der Saal atmete aus – dasselbe andächtige, hungrige Ausatmen. Ariadna atmete nicht aus. Sie wusste noch nicht, wer dieses Los sein würde, sie hatte die Teile nicht, um es zusammenzusetzen. Sie wusste nur, dass ihr kalt wurde von der Leere, die sie zum ersten Mal im Kabinett des Vaters gespürt hatte – und dass diese Leere jetzt ständig in ihr wohnte und dass die Leere, so schien es, ein Gesicht zu bekommen begann.
Bepul matn qismi tugad.